03.11.2011 18:16:19

göttliche Utopien sind zum Weglaufen



Und dann hast du die Wahl entweder deinen Standpunkt klarzustellen oder einer offensichtlich hoffnungslosen Utopie hinterherzurennen. Und du willst so gern loslaufen, aber du weißt, dass jeder Schritt dich nur (wieder) näher an eine nie wirklich erkennbare Klarheit bringen wird. Irgendwie so, als stünden am Rand deiner Laufstrecke lauter Schilder auf denen steht "kapier´s doch!", "falsche Richtung!" oder "Bitte wenden Sie." aber du erkennst die Buchstaben nicht exakt, weil du so schnell läufst und dein Gehirn reimt sich was passendes zusammen. Etwas, was nicht so dramatisch klingt. "Klappt doch!", "fast richtig!" oder "Titten!".

Ich werde fast jeden morgen mit dem Programm von Deutschlandfunk wach. Ab 9.30 Uhr läuft dort allmorgendlich die Sendung aus Religion und Gesellschaft, mal mit wirklich aufschlussreichen, mal mit naja-geht-so-Themen und dann ist immer ein theologischer Beitrag dabei. Ich nehme an Näheres regelt da ein Religionsrundfunkstaatsvertarg oder Ähnliches. Jedenfalls hört man in der Sendung meistens auch, dass - egal was man über Glaube, Religionen oder Gott denken mag oder ob man überhaupt darüber nachdenken mag - welche Zusammenhänge es zwischen der religiösen Historie und unserer aktuellen Gesellschaft gibt und man erfährt immer auch Hintergründe dazu, die zumindest einige Aspekte dieses Verhältnisses in einen bisher nicht gekannten Kontext stellen. Soweit so gut, doch darum soll es nicht gehen.

Gehen soll es um den theologischen Teil. Den habe ich bisher immer ausgeblendet. Ich dachte mir, hmm na gut, wenn jemand sich die Mühe machen und beispielsweise Bibeltexte so auseinanderpflücken will, o.k. Ich kann damit halt nichts anfangen und es interessiert mich auch nicht. Ich war aber bereit zumindest zuzugestehen, dass man auf einer intellektuellen Basis einen Text (als Ausgangsmaterial nehmend) gedanklich durchspielen kann. Ihn in einen historischen Kontext setzten, darin interpretieren und verstehen kann. Im Prinzip würde ich einer solchen Vorgehensweise rein von ihrer strukturellen Form her sogar ein gewisses Maß an Wissenschaftlichkeit zugestehen können. Immerhin handelt es sich um "Gedankenexperimente" und beispielsweise die Philosophie nimmt oft genug ebenfalls Utopien als Grundlage um alles möglich durchzudenken. Aus dieser Sicht konnte ich zumindest strukturell sogar diesen Exkursionen etwas abgewinnen.

Ja und dann triffst du jemanden und du stellst fest, dass es Menschen gibt, die das ernst meinen. Ich meine RICHTIG ERNST im Sinne von WÖRTLICH. Da tauchen dann die Figuren aus den Bibeltexten im Jetzt und Hier auf. Sie wirken, sind zugegen, verändern die Realität, HANDELN, zeigen dir etwas und du kannst sie sogar als Freunde adden. (Ich weiß nicht, ob kruscheln auch geht.) Ich möchte damit kein religiöses Grundempfinden kritisieren. Wie man für sich die Fragen löst, nach den Dingen, die man so erlebt und für die die bekannten Erklärungsmuster nicht ausreichen ist eine andere Baustelle. Was sich mir eröffnete ist die Vorstellung einer wahrhaftig plastischen (fast hätte ich irdischen) Gottheit, mit der man sich unterhält, die eingreift in die Welt und diese beinflusst. Keine nachgelagerte Überlegung "wer weiß, für was es gut war" oder "da hatte ich einen Schutzengel". Ich spreche von einer Weltwahrnehmung, die grundlegend geprägt ist von der Unterstellung, da ist ein Schöpfer am Werk. Jetzt im Augenblick. Ich kenne mich da zu wenig aus, aber mir scheint, das geht selbst über die Kreationismusidee hinaus.

Je mehr ich darüber nachdenke, um so mehr bin ich erstaunt über ein so hohes Maß an ... ich weiß es nicht. Als erstes fällt mir ja bei sowas Angst ein. Vielleicht ist es schlicht Phantasielosigkeit. Keine Ahnung. Vermutlich lässt sich mit meinem Gehirn nicht abbilden, was dazu führt, die Welt so zu sehen. Ich habe es aus unterschiedlichen Gründen nicht darauf angelegt, diese Einstellung zu hinterfragen. Mir schien, dass entsprechendes Gehrin ebenfalls nicht in der Lage gewesen wäre, eine Abstraktion in diesem Punkt zu leisten. Keine Intelligenzfrage. Eine Frage des Belohungssystems im Kopf. Eine Frage der Wege und Möglichkeiten, die man hat sich in einen Zustand der Zufriedenheit des Glücks zu versetzen. Herausfinden zu wollen, warum jemand solch ein abwegiges Konstrukt heranzieht, um Situationen und Momente genießen zu können ist die falsche Herangehensweise. Allerdings habe ich auch keine alternative Fragestellung parat.

Ähnlich scheitert die oft nützliche Frage danach, was passieren müsste, um die Meinung in dem Punkt zu ändern. Zum einen ist es weit mehr als nur eine "Meinung". Zum anderen würde sie mit der Gegenfrage ausgehebelt, warum man sie denn überhaupt ändern solle. Und ja, diese Gegenfrage muss man sich gefallen lassen, denn als eine (zurückhaltend formuliert) kühne Behauptung kommt sie dem/r Gläubigen ja garnicht nicht vor, er/sie kann sich also nicht in der Notwendigkeit sehen, einen Beleg zu erbringen, geschweige denn zu müssen.

Was ich allerdings im Nachhinein als wirklich haltlos empfinde, ist die Aussage durch eine solche Sicht der Dinge ein gesteigertes Maß an Freiheit zu erlangen/zu genießen. Allein schon der Umstand einen schönen Eindruck nicht unmittelbar, sondern interpretativ wirken lassen zu können, bedingt ein erhöhtes Maß an Anstrengung und strukturellen Vorgaben. Wenn ich zu den Dingen die mir passieren stets einen intentional formenden Unterbau erdenken muss beziehungsweise darin erkennen soll, so schränkt das ganz gehörig das Maß an direkter Wirkung ein. Nicht an emotionaler Reaktion, die ist ja an die biochemische Belohnung gekoppelt und kann sich in beiden Fällen gleich gut anfühlen. Aber der Umstand, dass man zur Interpretation eben nur den eigenen Verstand und die bisherigen, biografischen Erfahrungen heranziehen kann, nimmt einem beeindruckenden Moment doch letztlich die metaphysische Weltentrücktheit, die Glaubende für sich und göttliches Wirken beanspruchen. Vielleicht zeigt sich an diesem Punkt auch nur der generelle Widerspruch, der Annahme eines übermächtigen, gütigen und den Menschen trotzdem autonom handeln lassenden Gottes. Er ist nicht gütig, wenn er verlangt das RICHTIGE zu tun, ohne die Möglichkeit zu bieten alles zu überblicken. Sein allmächtiger Wissens- und Handlungsvorsprung macht jede/n, die/der danach handeln will zur/m Spekulanten/in. Ein Transparenz- und kein Transzendenzproblem. Dem kann man sich hingeben, sollte es aber nicht fälschlicher Weise als Freiheit ansehen. In wieweit es jedem/r freigestellt ist dazwischen zu wählen, legt strukturell die Demokratie fest. Individuell ist nicht so leicht, aber das Überwinden von eigenen Ängsten kann ja auch mal ganz befreiend sein.

Schon wieder so ne fucking eigene Entscheidung. Genau wie mit dem hoffnungslosen hinter Utopien herrenen. Und überhaupt - wozu hat man denn ein Blog.

Diskussion

Geben Sie Ihren Kommentar ein: