02.11.2011 17:18:23

feuchte Träume der Gleichberechtigung



Ich finde ja diese ganze Gleichberechtigungsdiskussion und erst recht, das, was gern mit Gender* daher kommt eher so subspannend. Teilweise reagiere ich auch genervt darauf. Je überdeutlicher und überkorrekter es wird, umso stärker wird mein Ablehnungsreflex, gern auch mal in Verbindung mit Sarkasmus. Vielleicht einfach schon, weil das allermeiste davon von Frauen kommt und ich mich daher sofort in eine Abwehrposition bewege. Ganz sicher aber auch, weil ich die Diskussionen zu allermeist extrem unentspannt und absolutistisch verstehe. Es scheint meist nur schwarz oder weiß, Freund oder Feind zu geben und wenig Möglichkeiten zu Kompromissen, geschweige denn dazu, mal die andere Sichtweise einzunehmen. Nicht nur weil es selbstreflektiert wirkt, schließe ich mich da garnicht aus.

Auf dem frauendominierten Feld der Gleichberechtigung (was für mich der wirklich akzeptable Begrff ist, denn Feminismus ist mir zu "monothematisch" formuliert und Equalismus klingt mir zu sehr nach "mir doch egal") ist es daher schön auch mal die Sicht eineS gegengeschlechtlichen LeidtragendeN zu lesen (bzw. in den Kommentaren auch noch mehr) und seine Erfahrungen und Gedanken nachzuvollziehen. Ich finde den Text (und seine Veröffentlichung) sehr mutig. Und es ist auch schön, dies im Blog einer engagierten Feministin (ich hoffe, ich unterstelle da jetzt nicht zu viel) zu lesen. Dieses Zusammentreffen hat für mich etwas Versöhnliches.

Es ist jetzt nicht so, dass ich mich besonders bewandert fühle im Bereich gleichberechtigter Denkweisen und Diskurse und erst recht nicht politischer Korrektheit. Prinzipiell stehe ich auch immer geschlechtsspezifischen Projekten in der sozialen Arbeit skeptisch gegenüber, bei denen ich eigentlich nur Einrichtungen zur Aufarbeitung von traumatisierten, geschlechtsspezifischen Erfahrungen im (zumindest teilweise) therapeutischen Kontext und auch nur für einen therapeutisch sinnvollen Zeitraum für angebracht halte, schlicht weil die Welt Männer und Frauen beinhaltet. Und Pädagogik sollte ja auf die Welt wie sie ist aka Realität vorbereiten. (Interessanterweise sind es auch hier überwiegend Frauenprojekte, die umgesetz werden, männerspezifische Angebote tauchen nur ganz selten auf.) Und dass es Männerspezifika gibt, stellt Florian S. ja dankenswerter Weise in seinem Text sehr offen dar.

Wenn man daher also das Grundrecht auf Gleichberechtigung wirklich ernst nehmen wollte, müsste man die männlichen "Nöte" genauso berücksichtigen und Gleichstellungsbeauftragte einfach Gleichstellungsbeauftragte und nicht für "Frau/Mann" nennen, denn bei "Frau/Mann" handelt es sich nicht um eine alphabetische Sortierung. Worum es mir aber eigentlich geht ist ein Punkt der, in der Diskussion meiner Wahrnehmung nach völlig ausgeblendet wird und der mag zunächst im Kontext der Frau-Mann-Thematik verwundern - im meine Sex.

Sowohl in der Aufarbeitung von Julia Schramm, als auch bei Florian, als auch beim beleidigenden Gebrauch des Begriffs "Emanze" (und ich nehme an in den meisten anderen Genderkontexten auch) schwingt Sexualität nur als Randerscheinung beziehungsweise unter der Hand mit. Dabei geht es doch darum. Die Ungerechtigkeiten im geschlechtlichen Zusammenleben resultieren doch aus persönlichen Erfahrungen und institutionalisierten, gesellschaftlichen Ordnungsversuchen (Ordnung im Sinne von Struktur, nicht von ordentlich). Das Patriarchat, dass vielleicht gerade am Zerbrechen ist, ist dabei historisch nur ein Ausdruck der männlichen, körperlichen Dominanz. Wobei ich selbst diese Sicht für diskutabel halte, da Frauen (zumindest in westlichen Gesellschaften, ich denke aber auch in deutlich härteren patriarchaischen Systemen) Mittel und Wege fanden (vielleicht finden mussten) einen steuernden Anteil zu erlangen (Was natürlich keine Untedrückung rechtfertigt.). Jedenfalls sind es die Erlebnisse mit dem anderen Geschlecht, die unsere Einstellungen und den Umgang mit ihm formen und sich letztlich gesellschaftlich niederschlagen.

Es wäre doch alles kein Problem, wenn nicht die zutiefst eigenen Bedürfnisse nach Sexulatität für den Großteil der Bevölkerung eben nur heterosexuell befriedigend befriedigt werden können. Es wäre doch alles kein Problem, wenn nicht die Erfahrungen des Scheiterns der eigenen Vorstellungen am anderen Geschlecht, mittel- und langfristig zu Frustration und Verfestigung eigener Klischees im Beurteilungs- und Handlungsrepertoire führen würden. Es wäre doch alles kein Problem, wenn diese fundamentale Unterscheidung zwischen Frausein/Mannsein und Mannhabenwollen/Frauhabenwollen auf etwas größeres als Dualismus zu streuen wäre. Aber dummerweise gibt es nur die beiden Geschlechter. Dummerweise gibt es für jedes Geschlecht nur einen Gegenpart, mit dem es seine Erfahrungen positiver und negativer Art macht und dummer Weise haben wir keine andere Sortierfunktion in diesem Kontext, als Null und Eins.

Vielleicht ist daher der undifferenzierte Umgang mit der gesamten Genderthematik ein Ausdruck einer immer noch nicht genügend aufgeklärten Sexualmoral. Vielleicht würde es einiges ändern, wenn frau/man in der Auseinandersetzung mit Gehältern und Positionen im Job, mit der Form und Farbe von Ampelmännchen, mit der Formulierung in und Lesbarkeit von Texten oder mit der Frage ob genügend Frauen in der Piratenpartei vertreten sind nicht permanent an die eigenen sexuellen Unzulänglichkeiten erinnert würden. Wenn beide sich nicht ständig im reproduktiv motivierten Attraktivitätswettstreit befänden (der ja auch läuft, wenn wir "vergeben" sind), weil dieser genügen Raum auf anderen Ebenen und an anderen Stellen bekommt. Vielleicht würde allein der Hintergedanke, dass bei Genderfragen immer auch persönliche, rudimentärste Bedrüfnisbefriedigung mitdiskutiert wird, zu einer Entspannung der jeweiligen Diskussion führen. Vielleicht würde ein zu entwicklendes Bewusstsein für die Unterscheidung von Sach- und Bedürfnisebene, dazu führen, dass wir in den Punkten, in denen es nicht um Geschlechtsverkehr geht, wirklich für alle sinnvolle Konsenze finden. Ja und vielleicht geht das alles überhaupt nicht, weil man nicht mit dem Kopf fickt.

Edit:

Eben weil das Bedürfnis nach Sexualität ein rudimentäres, tief verwurzeltes ist, lässt sich das Thema nicht ohne weiteres rein diskursiv lösen. Selbst bestgemeinte und verinnerlichte Erkenntnisse haben es schwer gegen das anzukommen, was man allgemein und hier im Speziellen Triebe nennt. Es lässt sich eben nicht so einfach sagen, denken und in Handeln umsetzen, was wir uns als Gleichberechtigung gern wünschen. Was nach ethischen Gesichtspunkten erstrebenswert wäre. Wer würde behaupten seine Triebe wirklich soweit kontrollieren zu können oder zu wollen. Von daher sind die gemachten Vorschläge die Rollenbilder zu überdenken, auch Männern "weibliche Seiten" zuzugestehen, Frauen eben nicht als gottgegeben unterpriveligiert anzusehen oder bestenfalls garkeine allgemeine geschlechtliche Verortung von individuellen Eigenschaften, persönlicher Lebensführung und gesellschaftlicher Partizipation vorzunehmen schön und gut, aber nur schwer umzusetzen. Wer das Schwache geil findet, findet es halt geil und wer auf den muskulösen Beschützer steht, kann sich diese Ausrichtung nicht wegdenken. Nicht umsonst reagieren wir reflexiv auf klassische geschlechtliche Merkmale, beispielweise Brüste, Schulterbreite, Tonlage etc. Das war ja mal irgendwie sinnvoll.

Wenn man/frau dem bis hierher folgt, gibt´s aber immerhin die Möglichkeit, sich das in Erinnerung zu rufen, während man diskutiert und nicht feucht wird. Letztlich ist es nämlich mindestens die eigene Entscheidung wie man mit alledem umgeht.

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