25.09.2013 08:06:49

Murakami Nights

Boah ey! Diese scheiß Klassenfahrtsromantik! Schon nach einem Tagungstag nistet sie sich ein, wie so ein Karamelkaubonbon, dass dir in der Tasche schmilzt und quasi eins mit allem wird, was es berührt. Die Dinge sind wie immer, aber es klebt halt noch zuätzlich was dran. Und mit jedem Fingergriff, den man unternimmt die Schmiererei weg zu machen, verteilt man die Kontamination nur weiter und weiter und weiter.

Aber es ist nicht unangenehm. Quasi so, als würde man mit dem Bonbonkleber mehr und mehr die ganze Welt überziehen und gleichzeitig selbst immer mehr nur Mund werden, nur Knospe sein und nur süßes Karamel schmecken.

Die übrigen Sinne treten in den Hintergrund. Der Körper auch. Man ist umwoben von dünnen, ockerfarbenen Fäden aus Freundlichkeit, Umsorgtheit, Verantwortungslosigkeit. Alles passiert im Moment und auch dieser wird zäh und dehnt und zieht sich klebrig über Stunden und Tage und Zeitlosigkeit. Man hat noch so etwas wie einen Geist, in dem sich monosaccharide Eindrucksfetzen auflösen, kristalisieren und erneut verflüssigen. Der Verstand aber, bekommt keinen Zugang mehr zu dieser neuen, süßen Welt. Kaum hat man ihn aus den Augen verloren, hat man ihn auch schon vergessen - zumal es dunkel wird.

So unklar sich die Zeiteinheiten gegeneinander abgrenzen lassen, so sicher strebt doch jeder Tag seiner eigenen Verdunkelung zu. Alles scheint auf Schatten und straßenlaternenbeleuchtete Unschärfe hinzuzielen, ohne dass eines dieses Ziel erreicht, einen Abschluss finden würde. Das Ende zu vermeiden, ist am Ende das ziellos umherirrende Ziel. Immer weiter verwirrt es sich in den klebrig-aromatischem Gespinnst, das es nicht halten, dem es aber auch nicht entkommen kann.

Flure, Keller, Tiefgaragen in sahnig blassbraunem Licht - und es schmeckt so köstlich. Als extrapolierter Haufen von Geschmacksnerven saugt man sich an allem, an den Türen, den Möbelhausniederfloorteppichböden, der ranzigen Musik, aus ranzigen Lautsprechern, vorbeihuschenden Gesichtern, missdeutlichen Gesten fest. Man kleidet die Welt aus, mit einem transparenten Moosteppich, der man wohl selbst sein mag - der man selbst ist. Im Überall ist man sich dann bewusst und sicher.

Und stirbt. Immer.

Kinners, ich sag euch: Lasst das mit den Klassenfahrten sein. Das ist gefährlich. Lasst das mit den Tagungsnächten, mit den illusorischen, wattigen Mondscheinsettings. Lasst die Finger von diesem Teil der Welt, der ihr nie sein werdet, weil es ihn nicht gibt. Ich sag euch: Lasst das sein! Lasst es sein und hört nicht auf mich und nicht auf, euch zu drehn.

Diskussion

Geben Sie Ihren Kommentar ein: