11.09.2013 21:15:17

Ohne Jauch geht´s auch!

Zum (immer wieder überprüfbaren Glück) schaue ich ja seit Jahren kein Fernsehen mehr. Bis auf die paar Male, an denen ich eben dieses Glück überprüfen muss. Wäre ja schlimm, wenn das Fernsehen auf einmal superprima geworden wäre und ich was total tolles verpassen würde. Diesmal nehm ich mir - auch aus beruflichen Gründen - die Jauch-Talksendung in der ARD als Glücksüberprüfungsgegenstand. Thema Jugendkriminalität, beziehungsweise Jugendgewalt. So weit so unscharf.

Vorneweg gab es einen Tatort, der sich einer ähnlichen Thematik widmete und an den U-Bahnschlägereien Jugendlicher der letzten Jahre orientierte, bei denen mehrere Menschen schwer verletzt und mindestens einer getötet wurde. (Ich kann das leider gerade nicht nachrecherchieren, weil die Parteien, die ihr immer wählt, es nicht für nötig halten, Deutschland flächendeckend mit Internet zu versorgen.) Ich habe den Tatort nicht gesehen.

Dem Tatort gegenüber war ich schon immer skeptisch eingestellt. Naja, vielmehr seiner omninormierenden Funktion. Allsonntagabendlich bedient er das Bedürfnis, nach Verständigung über richtig und falsch, über gut und böse. Er liefert Schurken und Verbrecher und stellt ihnen die Aufrichtigkeit von Ermittlern, Staatsanwälten, Polizisten, ich weiß nicht wem entgegen. Verliert sich ein Tatort doch mal in eine etwas angegraute Schattierung zwischen weiß und schwarz und lässt Zweifel an dem moralischen Unterbau des Motivs eines Täters oder den selbstproduzierenden Erwartungen der Masse aufkommen, versäumt er es dennoch nicht ihn per physikalisch-tragischer Justizialität (ich erinnere mich da an einen Mülllaster der den halb bösen, halb einsichtigen Buben, letztlich überfuhr) zur Rechenschaft zu ziehen. Soweit so tragisch.

Nun arbeite ich seit gut eineinhalb Jahren mit straffällig gewordenen Jugendlichen zusammen. Zumindest mit solchen, die mit dem Gesetz und also mit den Moral- und Normvorstellungen unserer Gesellschaft in Konflik geraten sind. Viele von ihnen durch Kleinigkeiten, Jugendsünden, Nachlässigkeiten (entweder von ihnen selbst oder ihren Personensorgeberechtigten). Einige mit erkennbar verfestigten, so genannten 'schädlichen Neigungen' und hin und wieder auch welche, die wegen heftiger, brutaler, gewalttätiger Straftaten verurteilt wurden.

Ich kann und ich will nicht sagen, dass ich diese jungen Menschen kenne. Ich kenne einige von ihnen. Einige sind nett, andere sind doof. Aber ihnen allen gemein ist, dass sie ihre sehr individuelle Geschichte haben. Das sind Geschichten, die von außen betrachtet Gemeinsamkeiten aufweisen. Be-/Mißhandlung im Elternhaus, Vernachlässigung, geringe Bildungs- und Teilhabechancen - man kennt die Stigmata. Jauch kannte sie auch, er wusste sie zu wiederholen. Was diese 'Gemeinsamkeiten' außer Acht lassen: Ein Kind weiß das nicht.

Ein Kind kennt nicht die Gesellschaft. Es kennt keine bildungsfernen Schichten, keine Gesellschaftsverlierer, keine Vernachlässigung, keinen Vater, wenn er nicht da ist. Und trotzdem waren diese Kinder, jedes für sich allein gezwungen, mit ihrem Leben, mit und in ihrer Lebenswelt klar zu kommen. Sie mussten sich eigenständig Wege suchen mit sich in ihrer Welt zurecht zu finden - und nein, das entschuldigt nichts. Kein Besaufen bis zur Besinnungslosigkeit, keinen Einbruch, keinen Raub, keine schwere Körperverletzung, nichts von alledem. Jedes dieser Kinder weiß, dass diese Taten 'falsch' sind. Das Günther Jauch genauso wie der Deutsche Michel diese Taten im Tatort verfolgt und gesühnt sehen will.

Also alles ganz einfach? Ja, wenn man über den Tellerrand einer schwarz-weiß-bewertenden 'Normalbiografie' hinauzuschauen bereit ist, dann ja. Wenn man bereit ist, sich nicht kollektiv sondern indivduell über Schuld und Strafe zu verständigen, dann ja. Wenn man einen Film, der dramaturgischen Verläufen, einem Sendeplatzschema und Quotenregeln Folge zu leisten hat, einen Film sein lassen kann und ihn nicht als Grundlage einer repressiv-tendenziös moderierten quasijournalistischen Sendung nimmt, mit dem Ziel die Verständigung auf das Gut und Böse, was man da vorher gesehen hat, intellektuell zu untermauern.

Denn das ist es, was ich wirklich wiederwärtig finde und was in meinen Augen die Boshaftigkeit dieser Kopplung von Unterhaltung und gewolltem Journalismus ausmacht: Sie legitimiert sowohl das Format als auch den Inhalt in seiner gesinnungsgleichmachenden Fuktion und Wirkung. Und das ist anders als früher. Früher lief der Tatort und am nächsten Tag fand die Normierung in der Mittagspause statt, zwischen Menschen auf Augenhöhe, die sich gegenseitig einschätzen können. Jauch hingegen moderiert die Normierung in einem himmelschreienden Prominenzgefälle, zwischen einem, den Tränen nahen Opfer und einem phrasendreschenden Wahlkampfminister, hat selbst eine Meinung zum Thema, die er weder zu verbergen noch zu benennen im Stande ist und schneidet an den Punkten die Redenden ab, an denen das Thema in eine tiefgründigere Auseinandersetzung und weg von Plakativität zu rutschen droht.

Nach diesem Kammerspiel bin ich wohl wieder für eine Weile geheilt, was den Glücksabgleich mit dem TV angeht. Leute, ernsthaft: Das ist furchtbar! Hört auf das zu kucken! Schaut euch den Tatort an, von mir aus. Bildet euch auch eine Meinung zu einem Film. Aber lasst euch nicht so veraschen.

Was die Jugendlichen angeht: intensive Betreuung (Rückfallqoute: 25-30 %), Jugendarrest (Rückfallqoute: ~70 %),
Jugendhaftstrafe (Rückfallqoute: ~80 %), absolute Sicherheit auf Unversehrtheit des körperlichen Wohlbefindens (Rückfallqoute: 100 %)

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