25.01.2013 17:57:28

Der Einzelfall rettet dem Individuum das Leben und der Gesellschaft den Hals - oder so.

Gerade geht ein #aufschrei durch Twitter und neben den erwartbaren (gerade auch in und von mir erwartbaren) Abwehr- und Relativierungsreflexen, gebe ich dem seit eigen Tagen wachsenden Impuls nach, mal wieder etwas aufschreiben zu wollen. Nicht, dass es einen konkreten Anlass gegeben hätte oder sich akut einer darstellt. Es handelt sich wohl eher um die ursprünglichste Form der Gedankenverarbeitung, die mich dazu bringt: Die Gestaltwandlung.

Text, Wörter, Ausdrücke - sie alle stellen den Versuch dar, die Welt - vielmehr ihr innerpersonenelles Abbild - in eine Ordnung zu bringen. Struktur, vielleicht sogar Logik hintern den wirren, zuckenden Impulsen und chemischen Prozessen zu finden, die als individuellster aller Filter das Selbst vom 'da draußen' trennen. Das klingt nicht schlecht. Das gefällt mir und weil das hier meine Party ist, mache ich noch ein bischen weiter.

Was da auf Twitter (im Grunde ja immer in allen Kommunikationssettings) abläuft, ist nichts anderes als ein sozialer Normierungsprozess. Ein Verständigen darüber, was o.k., was erträglich und was verdammungswürdig ist. Wie man sich verhält, wie andere auf das eigene Verhalten reagieren, etc. Es ist ein Spiel (und das meine ich rein lerntheoretisch, nicht bewertend (Was für eine Gesellschaft in der 'spielen' negativ konotiert ist(!))), dessen Regeln in Echtzeit erstellt und angepasst werden. Dynamik at it´s best.

Wer will da sagen, welches der Spielenden einen Fehler begeht? Welche verbindlichen Grenzen dieses Spiel hat? Wo hört der Spaß auf und ab wann wird es ernst?

Ich will in keiner Weise sexuelle Übergriffe von egalwem auf egalwen relativieren oder gar rechtfertigen, das nochmal als Kalrstellung, da mir das Thema als Einstieg diente. Ich will aber deutlich machen, dass wir keineswegs davon ausgehen, es voraussetzen können, dass wir uns normativ in absolute Verbindlichkeiten begeben können. Die Frage ist: Wie gelingt es im, hypothetisch immer als Extrembeispiel zu unterstellenden Einzelfall so miteinander umzugehen, dass es für uns alle mindestens erträglich, besser noch zufriedenstellend bleibt? Natürlich gibt es Vorgaben auf die man sich Flächendeckend geeinigt hat. Töten zum Beispiel wird eher selten als Handlungsoption angewendet. Aber dann taucht sporadisch so ein Kanibalismusfall auf, in dem das "Opfer" angeblich freiwillig zu dem Geschehen zugestimmt hat. Lässt schwer nachprüfen im Nachhinein.

Zu abstrus? Wie sieht es mit aktiver Sterbehilfe aus? Schwerkranke? Alte? Selbsttötungswünsche? Jedes einzelne davon ein Einzelfall, ein Schicksal. Gesellschaftlich nicht abbildbar. Einzelfälle müssen von der Gesellschaft zurück nach unten delegiert werden. Return to sender.

Wir sind eine Gesellschaft, die aus Einzelfällen besteht. Jedes, das schon mal einen Renten-, BaföG-, ALG II-Antrag, eine Steuererklärung oder Ähnliches erstellt hat, weiß das. Ebenso, wenn man sich mit beispielsweise Bildungs-, oder Familienbiografien von Menschen beschäftigt. Du bist Deutschland, Du bist ein Einzelfall.

Das ist schön. Das ist gut. Das ist der Versuch, jedem die größtmögliche, individuelle Freiheit zuzubilligen. Die Hoffnungslosigkeit, die sich in den, nach unten delegierten Einzelfallbürokratisierungsversuchen zeigt, ist das Angebot einer möglichst freien Gesellschaft an jedes Mitglied. (Mir gefällt das 'freie' hier nicht so gut, weil es zu pathetisch klingt, es ist nur beschreibend gemeint.) Was fehlt ist der Rückkanal. Was fehlt ist das Empfinden, dass die Erfahrungen aus den Einzelfällen zu grundlegenden Systemänderung in der Lage sind.

Mit dem 'Argument' des Einzelfalles lassen sich notwendige Veränderungen auf ein nicht näher bestimmtes morgen vertagen, was oft genug beiden Seiten gelegen kommt. Der Einzelfall rettet dem Individuum das Leben und der Gesellschaft den Hals. Win-Win-Situation?

Nicht ganz, denke ich. Was dieses Modell vernachlässigt, ist der Umstand, dass unsere Gesellschaft Mittel und Wege gefunden hat (teilweise sind sie noch in der Etablierung) gemachte Erfahrungen für jeden Einzelfall zu konservieren, zu publizieren und für jeden kurzfristig abrufbar zu machen. Das, was früher nach der Filterung und Homogenisierung durch etwa die Presse, das Fernsehen oder Buchverlage nach einer einmaligen Veröffentlichung in Archiven verschwand und für kaum jemanden erreichbar war, wird heute im Einzelfall weder gefiltert noch depubliziert. Es bleibt. Erreichbar. Nachvollziehbar. Guttenplag, Blogs, Youtube. (Verschwörungstheorien um die Frage, ob Gängelungen, wie GEMA-Streit, Impressumspflicht, Pseudo-/Annonymitätsdiskussion, etc. zur Erhaltung der alten Strukturen gewollt sind, ist an dieser Stelle Tür und Tor geöffnet.)

Durch diese Zunahme der Einzelfaldokumentation kommen 'nachwachsende Individuen' (die nächste Generation ist mir zu pauschal) in die verwirrende Situation, auf der einen Seite zu sehen, dass gewisse individuelle Erfahrungen bereits gesellschaftlich dokumentiert, also wahrgenommen wurden, es andererseits aber keine gesellschaftliche Verständigung, keinen Bewertungskonsens dazu gegeben hat.

War das früher anders? Ich denke schon. Ich bin meist nicht davon zu überzeugen, dass heute alles komplexer, schneller, wieauchimmeranstrengender ist als früher(TM). Das ist es auch unter den beschriebenen Gesichtpunkten nicht. Was sich ändert sind die individuellen Bestätigungen der eigenen Erfahrungen. Der #aufschrei erzeugt das Gefühl, die eigenen Erlebnisse in einem erschreckenden Maße bestätigt zu sehen. Das ist gut.

Das ist deshalb gut, weil es ein Korrektiv zur bisherigen (ist ja ein langsamer Wandel), Individualitäten ausklammernden, gesellschaftlichen Dokumentation der Welt von 'oben nach unten' darstellt, in der zwar einzelne Fälle durchaus zu gesellschaftlicher Veränderung geführt haben, dies aber eben von wenigen strukturiert und moderiert wurde.

Was nun aber fehlt, während die Möglichkeiten der Realitätsabbildung von unten nach oben ständig wachsen, ist das Gegenkorrektiv. Denn auch in der ermutigenden 'Ich-bin-nicht-allein'-Wahrnehmung der venetzten Einzelfälle finden die selben Wahrnehmungsfehler Anwendung, die vorher zur Exklusion geführt haben. Allein schon die Tatsache, dass das retweet-Prinzip von Twitter eine #aufschrei-Nachricht vielfach in unser Bewusstsein läd, führt zu einer verstärkten Bewertung des Inhaltes ohne (bzw. teilweise ohne es genau zu wissen), dass sich die Einzelfallanzahl ändert. Auch die klassische Verzerrung durch gezieltes Suchen, das Sichaufhalten in Themenblasen, etc. beinhalten das Rsisiko, Themen, Aspekte, Geschichtspunkte gehäuft wahrzunehmen und überzuinterpretieren.

Vielleicht war das eine der Hoffnungen, die an die Piratenpartei geknüpft wurde. Diese Transfairleistung zwischen Einzelfalldokumentation und Einvernehmlichkeitserzeugung mit größeren Gesellschaftsgruppen erreichen zu können. Oder zumindest Ideen zu entwickeln, wie so etwas funktionieren könnte - auch durch den Bezur zur Technik mit der die Dokumentationsumkehr geboren wurde. Ja, ich glaube, das hatte ich gehofft. Bisher sieht es nicht danach aus.

Aber das ist die nächste große Aufgabe. (Und mir wird das gerade als Bogen klar, den ich auch in Bezug auf die Themen, die ich in der Arbeit mit sogenannten Benachteiligten darin vermutet geahnt hatte.) Wie lassen sich die Nöte, Bedürf- und Erfordernisse, die Wünsche, Absichten und Pläne jedes einzelnen Falles schneller, einfacher, effektiver und relevanter in eine Ausgeglichenheit bringen, die noch als Gesellschaft zu bezeichnen ist? Oder anders: Gelingt es uns den Anstieg des "sozialen Sterbens" und der "sozialen Leichen" zu stoppen und gleichzeitig die individuelle Entfaltbarkeit zu gewährleisten? Ohne Ausgrenzung, ohne deutlich auffällige Verlierer?

Mittlerweile geben die etablierten Medien ihren Senf zum #aufschrei, aber irgendwie fühlt es sich so an, als ginge es dabei mehr um "Oh, schnell was schreiben, das geht gerade auf Twitter rum und bringt uns Klicks!", als um eine Einordnung, eine Relativierung. Damit scheiden sie wohl als vermittelnder Brückenbauer aus. Auch, weil es ihnen mit ihrer Prominenz-Relevanz-Login bisher schon nicht gelang den Summen an Einzelfällen gehör zu verschaffen.

Viel wahrscheilicher ist es, dass man den Einzelfällen beibringen müsste, diese Transfairleistung selbst herzustellen. Aber sind wir ehrlich, dabei sind die Verlierer auch schon klar und werden nicht weniger bleiben.

Es ist ein nüchternes Resümé, aber ich finde keinen anderen Ausweg, als ein Scheitern der Möglichkeit der Umordnung zu sehen. Eine Edukation des Umgangs mit den gesellschaftlichen Chancen der Einzelfalldokumentation wurde versäumt und daher werden auch zukünftig keine Menschen in entscheidende, gesellschaftliche Positionen kommen, um noch zeitnah eine Prioritätenänderung zu erreichen. Und ich meine damit nicht die Spitzenpositionen, denken sie mal an die Behördenbediensteten, die den NSU-Fuckup zu verantworten haben. Das waren nicht nur Kurzvorruheständler und egozentrierte Leitungsposteninnehabende, da waren auch junge KommissarInnen, Dein Kumpel aus dem Fußballverein, Deine Ex-Schulkameradin aus der Zehnten und so mit dabei. Und keinem/r ist eine Verknüpfung der Einzelfalldokumentationen gelungen.

Es ist wie mit dem Klimawandel: Man sieht erfährt einige der Auswirkungen bereits jetzt am eigenen Leib. Ein Teil davon ist wirklich auf Globale Erwärmung zurückzuführen einen Teil erklärt man sich unsinniger Weise dazu. Es wird erforscht. Es gibt Theorien und Konzepte der Abwehr. (Scheinbar gehen diese beim Klima ebenfalls mehr und mehr von Bewältigungsstrategienentwicklung aus, statt wirklicher, korrektiver Beeinflussung.) Man kennt jemanden, der jemanden kennt, dem es auch so mies erging. Man findet auf einem theoretischen Level einen Zugang und fasst Vorsätze. Aber letztlich betrifft es einen nicht akut genug, um sich dauerhaft auf eine Verhaltensänderung einzulassen.

Schweinhund? Zumindest liegt in dem, was landläufig als Faulheit bezeichnet wird eine Kursbeibehaltungskraft, die jedem Hohn spottet. Egal ob Lohnanpassung, Ernährungsumstellung, Substanzkonsum, Beschäftigungssuche, Dumme Witze, alte Laster - wir verharren in den Mustern und Reflexen, die uns geläufig sind.

Vielleicht - ziemlich sicher sogar - wird es irgendwann den Punkt geben, an dem uns klar ist, dass unsere Gehirne eben doch recht unterschiedlich sind, weil wir technisch so weit sind, diese Unterschiede zu detektieren, abzubilden, vielleicht sogar zu dokumentieren. Vielleicht werden wir dadurch die Individualität jedes Einzelfalls beschreiben können. Und vielleicht finden wir dann einen Weg uns trotz unserer ungleichen Bedürfnisse als ein verantwortungsnotweniges Kollektiv zu begreifen. Aber bevor nun die hollywoodesquen Fanfaren, Hörner, Streicher und Bläser einsetzten: Vielleicht auch nicht. Vielleicht wird es uns auch weiterhin nicht gelingen, den Bullshit von nebenan eben deshalb nicht aus der Welt zu räumen, weil es nicht (oder nur theoretisch) auch der eigene ist.

Egal wie man es letztlich erklärt, ob gewünscht/beabsichtigt oder nicht, eine Deutungshoheitsstrukturänderung und damit eine Homogenisierung im Sinne aller wird es auf absehbare Zeit nicht geben.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.

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