20.01.2012 21:18:07

Sag mal, geht's noch?!? Anscheinend ja, anscheinend geht's noch.

Die Frage lautet: "Geht´s noch?!?" Und die Antwort lautet irgendwie immer: "Ja. Ja, es geht noch. Is zwar nicht so dolle, aber es geht noch." Noch?! Wann wird denn das noch zu einem "nicht mehr" werden? Wann wird es wirklich genug sein? Wann wird endlich damit aufgehört, so zu tun, als sei all der Unfug, der geschieht, der entschieden wird, der umgesetzt wird unvermeidbar oder unbeeinflussbar? Wann ist eine ausreichende Sättigungshöhe erreicht, um sich selbst einzugestehen: "Nein, das geht jetzt so nicht mehr. Das werde ich so nicht mitmachen."? Es passieren ja ständig diese Dinge. Megaupload wird dicht gemacht, einen Tag nachdem sich die "Netzgemeinde" erstaunlich kollektiv gegen den Urheber- und Leistungsschutzirrsinn beschwert hat. Letztlich zeigen damit die Nutzer nur, dass sie keinen Bock darauf haben, sich die Freiheit nehmen zu lassen Kulturgüter untereinander auszutauschen. Nicht nur eine seit Jahr und Tag in der "Offlinewelt" gelebte Praxis, dieses Tauschen ist der Grund, warum wir uns immer weniger die Köpfe einhauen und erkennen, dass wir alle garnicht so verschieden sind und dass auch von den wirklich verschiedenen manchmal doch was cooles kommt, was sie ein wenig unverschiedener macht. Natürlich haben Menschen in diese Kulturgüter Zeit und Geld gesteckt und müssen auch irgendwie Geld damit verdienen können, aber tun sie das nicht? Ist es wirkich so, dass die "großen Kulturveteiler", die Labels und Filmfirmen, die Patent- und Lizenzinhaber kein Geld verdienen? Vielleicht weniger als ohne das angeblich illegale Tauschen von Inhalten. Vielleicht wäre es aber auch eine Überlegung zu sagen, dass es immer noch genug ist für alle Beteiligten und dass der Verlust - so es einen gibt - schlicht als gesamtgesellschaftliche Investition gesehen wird. Als langfristige Anlage in die Zufriedenheits-, Bildungs- und Innovationsbilanz aller, die Zugang zu diesen Inhalten haben. Aber anscheinend geht´s auch so noch. Anderes Beispiel: Privatisierung von öffentlichen Aufgabengebieten. Seien es Wohnungsbau, Infrastruktur, Grundversorgungen, soziale Unterstützungsleistungen oder (wie momentan in Dresden) die Krankenversorgung, in all diesen Bereichen führt eine Privatisierung zunächst zu chaotischen Umsortierungssituationen, dann zu einen Preiswettbewerb, der zu Lohndruck, Leistungs- und Know-How-Verlust und schließlich zu einer Verschlechterung der Versorgung der Betroffenen, der Einkommenssituation der Beschäftigten und kurzfristig sanierten Kommunalhaushalten führt. Eine nachhaltige Planung, geschweige denn visionäre - also idealisierte - Zukuftsideen werden dabei gleich mit veräußert. Ganz so, als sein nicht klar, dass ein privates Unternehmen (auch wenn es ernsthaft hehre Ziele verfolgt) immer nur in den Wettbewerbsgrenzen agieren kann. Hoheitliche Aufgaben der Mindeststandardsicherung kann es nicht erfüllen und wird im Zweifelsfall mit dazu beitragen, eben diese Standards immer weiter zu senken. Aber anscheinend geht´s noch. Was ist mit diesem Politikklamauk, mit dem Medienklamauk, mit all den Dingen, bei denen man sich täglich an den Kopf greift und/oder ihn schüttelt, weil einem die Worte fehlen. Weil es die Zivilisation bisher nicht für nötig fand, für derlei Schwachsinn Wörter zu schöpfen. Das Gehrin erkennt zwar das Kroteske, kann es aber nicht äußern. Es gelingt ihm nur, intern mit Schmerz und Übelkeit und Ablehung und Wut zu reagieren. Ja, Wut. Aber es geht noch. Die da oben sollten und müssten... Die da unten werden, wenn sie nur genügend gedemütigt und unterversorgt sind... Quatsch! Wir sind soweit von einem revolutionären Umbruch entfernt, wie wir es immer sind und waren. Wir sind so nah an einem totalitären und absolutistischen Welt-, Gaubens- und Staatsbild, wie wir es immer sind und waren. Weil wir uns arrangieren. Genau wie die da oben und die da unten. Wir in der Mitte sind vielleicht die Bequemsten, weil wir nicht korrupt sind. Weil wir genügend Träume und Anstand haben, die Dinge beim Namen zu nennen, authentisch und logisch konsitent leben können. Weil wir wissen, dass wir nicht Recht damit haben, dass wir nichts ändern können, aber damit, dass es eben dauert und kompliziert ist. Wer ist schon willens von heute auf morgen sein halbes Leben umzukramen, um die Welt zu retten? Und wer könnte schon sagen, wie das ginge? Es geht halt alles noch. Natürlich sind wir hier in einer verdammt priveligierten Posi- und Situation. Natürlich gibt es Länder und Regionen in denen die Schwelle längst überschritten ist. In denen Menschen bereitillig ihr Leben auf Spiel setzen, weil sie nichts mehr haben als die wahnsinnige Idee woanders könnte es besser sein. Woanders wird es besser werden. Dummerweise ist Leid immer subjektiv und dieses Leid ist halt nicht unseres. Kausalität hat ihre Grenzen. Mindestens in unserer Vorstellungskraft. Hier lassen wir es zu, dass ein zu Guttenberg für Beratertätigkeiten als Talent ohne Agenda engagiert wird und sich bereitwillig Sachen in den Mund legen lassen würde, damit der Gesamteindruck stimmt. Wie(so) sollen wir uns da um die Probleme von Drittweltflüchtlingen kümmern, nur weil die zufällig bei uns vor der Tür ertrinken? Apropos ertrinken. Wer erinnert sich noch an den Kapitän der Cap-Anamur, der eben wegen der Aufnahme, sich in Seenot befindlicher Flüchtlinge quasi als Dankeschön zur Begrüßung erstmal inhaftiert wurde? Vermutlich keiner von denen, die jetzt über diesen Kreuzfahrtkapitän schimpfen und hetzen, der sein Schiff vor der Toskana umgeworfen hat. Kann man nicht vergleichen? Stimmt kann man nicht vergleichen. Man kann auch Guttenberg und Hungersflüchtlinge nicht vergleichen. Es sind halt Splitter einer Gesellschaft, einer Ordnung, einer Bewertungs- und Wertematrix, die hier und da auftauchen, Empörung und Normierung ableiten und Gesellschaft bilden. Und genau deshalb kann man sie doch nebeneinander stellen. Sie betrachten, vergleichen und sich Fragen ob´s noch geht. Ob es noch das ist, was man sich so vorstellt, da oben da unten und auch bei mir.

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