09.10.2012 11:08:39

Wurst kaufen wird der Sache nicht gerecht.

Man kann ja so viel falsch machen. Die falsche Wurst kaufen, zum Beispiel. Überhaupt Wurst kaufen und essen. Ist falsch. Falsch, weil - naja - irgendwie geht da halt viel Wasser drauf in der Produktion und Weizen wird verfüttert, der anderswo fünfmal so viele Menschen sattmachen würde, wie die Wurst die ich kaufe. Oder war es Mais? Soja? Jedenfalls sowas, was nicht so gut schmeckt.

Man kann sich reinhängen in Dinge und dann feststellen, dass man nur einen kleinen Ausschnitt vom Ganzen gesehen hat und man bei näherer oder weiterer Betrachtung zu einem ganz anderen oder entscheidend anderen Ergebnis gekommen wäre. Man kann sich das Ganze anschauen oder den Teil.

Beides ist falsch. Beides wird dem anderen nicht gerecht. Man kann sich über die Entwicklung der Bildung in Deutschland echauffieren. Man kann die Situation der Schulen, Kitas, der Hochschulen für fehlgeleitet halten. Kann die Prämissen unter denen auch 2012 immer noch gelernt wird verurteilen, für schädlich und schändlich halten. Es wird dem Ganzen nicht gerecht.

Man kann sich aufregen über das, was in der sogenannten Benachteiligtenförderung abgeht. Oder in der Sportförderung. Oder beim Verfassungsschutz. Beim Flughafenbau. Oder in den Untersuchungsausschüssen zu diesen Verfehlungen. Man kann fordern, dass es einer oder mehrer Visionen bedarf.

Es wird dem Ganzen nicht gerecht.

Gerechtigkeit ist eine moralische Utopie. Gerechtigkeit ist weder ein Grundzustand noch in irgend einer Weise deterministisch, biologisch, physikalisch oder sonst wie universal festgelegt. Das meiste, was es heute auf der Welt gibt, ist aus einem Ungleichgewicht, aus Mangel oder aus Zwang zur Anpassung entstanden. Es entsteht auch weiter daraus. Das Blöde bei uns Menschen ist nur, dass wir (und vielleicht noch zwei Hände voll anderer Arten) uns haben einfallen lassen, so etwas wie ein Gewissen, ein physisches Etwas, das sich um Moral kümmert, herauszubilden.

Unsere Großhirnrinde - (wahrscheinlich) genauer: der Frontallappen, der Teil, der permanent mit Tun aber eben auch mit situationsadäquatem Tun beschäftigt ist - würde sich langweilen, wenn sie sich nicht permanent mit dem Bewerten von Handlungen und dem entscheiden zwischen richtig und falsch beschäftigen würde. Und nichts ist angepisster als ein gelangweilter haufen Nervenzellen - ganz ehrlich.

Da in ihrer Nachbarschaft so Areale liegen, die sich gut Sachen merken können, die Erinnerungen und Empathie "erfahren", bleibt den grauen Zellen letztlich nicht viel mehr übrig, als sich zu der Welt um sie herum in einen bewertenden Bezug zu setzen. Das erklärt zum einen, warum beispielsweise ein 'mehr' an Wissen eine Verschiebung oder Umbewertung veranlassen kann und zeigt, dass Moral kein statisches Konstrukt ist, sondern immer kontext- (also auch wissens-/informations-) abhängig ist. Auf der anderen Seite beschreibt es auch die unumgängliche, permanente Auseinandersetzung mit morlaischen Richtig-oder-Falsch-Fragen/Entscheidungen. Sicherlich laufen die meisten davon auf einem unspektakulären, wenig belastenden Level ab. Aber die schiere Zwangsläufigkeit dieses Vorgangs erzeugt schon ein gewaltiges, 'moralisches Grundrauschen'. (Beispielsweise frage ich mich parallel zum Schreiben dieses Textes die ganze Zeit, ob das überhaupt o.k. ist, den jetzt zu schreiben.)

Steigert sich nun die Tragweite der Entscheidungen des eigenen Handelns, bezieht man zeitlich und/oder räumlich weitläufigere Auswirkungen in die Überlegungen mit ein (die sogenannte Tragweite) dann scheint es nur logisch, dass der empfundene Stress steigt. Gemäß dem Spruch: 'Optimismus ist nur ein Mangel an Information'. Und auch wenn man Empathie, als spezielle Form des moralischen Denkens und Handelns, trainieren kann, erfährt man doch das Leid anderer ähnlich selbst erfahrenem Leid.

Es ist ein Spagat. Jeden Tag. Die Wurst, die Kitas, die Flughäfen, die Visionen, die Steinbrücks. Alles Spagate. Moralische Spagate vor dem Hintergrund des Wissens/der Informationen der jeweils Handelnden und ihrer individuell gelernten Empahtiefähigkeit. Dieses Dilemma löst weder die Forderung nach Transparenz mit der Absicht das Wissen zu vermehren (in dem Glauben, mehr Wissen = mehr positiv moralisches Verhalten), noch die Ignoranz ('Man kann ja doch nichts ändern.' oder 'Die da oben machen eh, was sie wollen.') oder die Flucht in extrapersonelle, moralisch-ethische Instanzen (Religionen, Ethikräte, Gerichte, Vorgesetzte).

Ich weiß nicht, ob sich Regeln beschreiben lassen, diese Spagate ein wenig einfacher handlebar zu machen. Vielleicht gibt es eine Ebene ab der man sagen kann, dass etwa eine generelle Erhöhung der Transparenz und des Zugangs zu Information moralische Bewertungen erleichtern. Vielleicht könnte man Ebenen/Grenzen nach unten definieren, unter denen man eine ethisch-moralische Bewertung außen vor lässt und zunächst die 'Versorgung mit dem Nötigsten' (ich denke da an Obdachlose beispielsweise) sicherstellt. Anspruchs- und Anforderungslos. Vielleicht kann eine Gesellschaft sich dazu durchringen, eine bedingungslose Grundversorgung zu gewährleisten. Weltweit. Ohne Fragen, ohne Fordern, ohne Bedingungen.

Es hätte zumindest den Vorteil, dass wir alle uns moralisch ein wenig besser fühlen könnten. Dass unsere empatischen Schmerzen, die wir (übrigens genauso, wie diejenigen denen sie als wirkliche Schmerzen passieren) gern mit Trash und Klamauk übrkleistern, etwas gelindert werden. Unser Frontallappen würde öfter mit positiver, moralischer Bewertung seiner Umwelt konfrontiert. Wäre das - allein schon als Versuch - nicht sehr (ent-)spannend?

Auch wenn ich prinzipiell davon ausgehe, dass das menschliche Gehirn so etwas wie 'weltweit' nicht in der Lage ist abzubilden, stellt sich die Frage, ob es nicht (technisch unterstützt) Verfahrensweisen gäbe, eben doch die 'Bedürfnisse der Welt' nachvollziehbar für jede/n einzelne/n abzubilden. Denn das ist es ja letztlich, worauf es zurückkommen muss: Das moralische 'O.K.' zu den Entscheidungen und Handlungen muss prinzipiell von jedem einzelnen Frontallappen dazu gegeben werden können.

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