16.06.2012 11:09:35

Was ist so schlimm daran, Zukuft als Prozess zu akzeptieren?

Ich finde es immer erstaunlich, wie stark der Glaube an die Vorhersagbarkeit und globale Planbarkeit von komplexen Prozessen ist. Diese Anmaßung findet sich ja in vielen Bereichen, aktuell geht es häufig um Geld und um Europa. Noch schlimmer aber, als die Vorstellung etwas so umfangreiches wie etwa die Zusammenführung der europäischen Staaten exakt planen und alle Unwägbarkeit entgegen ihrer Natur abwägen zu können, ist die reversive Zementierung dieses naiven Glaubens durch selektive Aufarbeitung des Verlaufs. An Hand ehemaliger Mahner und Warner, die den aktuellen Stand des jeweils betrachteten Prozesses (ja schon immer) vorausgesehen haben, wird der Eindruck erweckt und vermittelt, die jetztige Situation, sei die einzig zu erwartende gewesen.

Nicht, dass ich nicht auch ein Freund von Planung, systhematischem Nachdenken oder Durchspielen möglicher Varianten bin. Aber bei allen Vorüberlegungen muss doch klar sein, dass sich ein guter Teil von langfristigen Vorhaben oder auch schlicht Verläufen nicht prognostizieren lässt. Und dennoch tun viele gern so, als ob sich derlei Entwicklungen wirklich vorhersagen ließen.

Selbstverständlich ist es schön, die eigene Skepsis im Nachhinein bestätigt zu sehen. Es ist noch schöner sich der Illusion hinzugeben, es gäbe Menschen, die - ob ihrer Sachkenntnis, ihrer Weitsicht oder ihrer Reputation - Komplexität anders verarbeiten könnten als man selbst und folgerichtig ab sofort für die Vorhersage der Zukunft verantwortlich zu machen seien. Und wie schön müsste es erst sein, wäre der Beweis erbracht, der Mensch könne positiv lange in die Zeit hinein wirken und seine guten Absichten gezielt in ihr entfalten.

Geht halt leider nicht.

Was geht ist, die Ideen die sich im Jetzt entwickeln weiter zu spinnen. Befürchtungen und Ängste nicht bis zur Handlungsunfähigkeit vergären zu lassen. Mit Hoffnung das aufzugreifen, was uns ansonsten einfach erstarren lassen würde.

Was ist so schlimm daran, dass vor knapp einem viertel Jahrhundert sich eine große Menge Menschen darüber einiger wurde, Schranken und Voruteile weiter abbauen zu wollen? Was ist schlimm daran, dass die Bestrebungen individuelle Freiheit zu vergrößern damals in eine Richtung aufbrachen - und sei es nur gewesen, um es zu versuchen? Was hat man davon, heute mit einem "siehste!", "ätsch-bätsch!" und "ich hab's ja gleich gesagt!" auf die zu zeigen, die damals Idee und Mut zusammen genommen haben? Was sind die Gegenvorschläge der damaligen Warner und warum werden diese nicht heute zitiert, statt der Kritiken von einst?

Unbestritten geht gerade einiges kaputt. Visionen, Träume, sogar die ein oder andere Grundfeste muss wohl mittelfristig über Bord geworfen werden, wollen wir auf diesem Planeten weiter leben. Unbestritten müssen neue Muster, Ideen, Ansätze und Versuchsaufbaue her, um mit den aktuellen Situationen umzugehen. Unbestritten müssen wir erneut überlegen und spekulieren, wie es in Zukunft sein soll. Und es wird wieder die geben, die scheitern, die, deren Vorschläge nicht funktionieren, die, deren groß angelegte Vorstellungen sich nicht durchsetzen werden oder umsetzten lassen und die, die das zeitgleich "vorhersagen".

Aber eine Rechtfertigung dafür die einen nachträglich gegen die anderen auszuspielen, die gibt es nicht. Nicht mehr - vermutlich noch nie. Trial-and-Error im großen Maßstab - etwas anderes gab es hier bei uns nie. Und das wird so bleiben. Kritiker dürfen nachfolgend gern widersprechen.

Diskussion

Geben Sie Ihren Kommentar ein: