26.04.2012 22:37:09

Im Grunde genommen ist alles, was wir von einander wissen, reine Spekulation - Begriffsstutzigkeit vs. Kommunikationsrauschen

Ich finde es erstaunlich. Erstaunlich zu sehen, wie Menschen es schaffen weitgehend sprachgefühlsfrei durchs Leben zu gehen. Menschen deren tägliches Geschäft und Haupttätigkeit es ist, mit Sprache umzugehen, sie zu benutzen und durch sie zu arbeiten. Menschen die vorgeben verinnerlicht zu haben, dass Sprache das Bewusstsein bestimmt. Die vorgeben davon überzeugt zu sein, dass Realität durch Sprache, durch das gezielte Benutzen oder Auslassen von Begrifflichkeiten geformt wird, ohne zu Begreifen, dass auch instrumentalisierte Begriffe sowohl einem Bedeutungswandel unterliegen als auch eine Mehrdeutigkeit abhängig vom Kontext zulassen.

Ich finde es erstaunlich, wenn ich sehe, dass ignoriert wird, dass diese Begriffe in der Wahrnehmung der Bevölkerung mehrere Bedeutungen (sogar für eine einzelnen Person) haben können. Dass gerade eine Instrumentalisierung der Sprache dazu führt, dass sich die Bedeutung ihre Wege sucht, um in diesem Instumentenkasten zur Geltung zu kommen. Zwischen den Zeilen, in Doppeldeutigkeiten, in Betonungsvarianten etc.

Ich finde es erstaunlich, wenn Menschen, die täglich durch Sprache arbeiten, keine Achtung vor dieser zeigen. Dass Begriffen Bedeutungen als fix zugesprochen werden. Dass eine einmal formulierte Wortreihe durchaus zu überarbeiten ist ist das eine, dass aber der Punkt nicht gesehen wird, an dem aus Verbesserung Klamauk wird, der Punkt an dem aus beflissendlicher Sorgfalt groteskes Gefasel wird, der Punkt an dem es besser wäre einfach einen Punkt zu machen, als political-correctness-oder-sonst-was-hechelnd jede optische, syntaktische und semantische Harmonie und Ordnung zu zerstören.

Es gibt diesen schönen Text von Peter Bichsel "Ein Tisch ist ein Tisch" (PDF), der prima deutlich macht, dass Sprache nicht beliebig ist. Das sie sowohl eine sinnvolle Ordnung enthält als auch herstellen kann. Aber eben auch, dass dies ein wechselseitiger Prozess ist. Eine Aushandlungssache bei der man nicht alles aushandeln muss, weil man nicht bei Null anfängt. Es gibt einen Bedeutungskonsens, der so beliebig ist wie Individuen, die aufeinandertreffen und doch kann man sich über weite Strecken ganz gut austauschen. Dabei ist im Grunde genommen alles, was wir von einander wissen, nichts weiter als reine Spekulation. Ein Wahrscheinlichkeitsrechenmodell, dass sofort versagt, wenn wir uns ein paar dutzend Kilometer bewegen und dummerweise an jemanden geraten, in dessen oder deren Dialekt ein mir klarer Begriff eine Bedeutungsverschiebung erfahren hat. Oder umgekehrt.

Es gibt scheinbar Leute, denen es noch die Mühe wert ist, nicht nur auf äußeren Sprachschein und Formalitäten zu schauen, sonder darüber nicht zu vergessen, dass Sprache zwingend etwas Lebendiges sein muss, um nicht ihre Daseinsberechtigung zu verlieren. Solche Leute denken sich dann nicht Wortungeheuer wie "Gleichstellungbeauftragte für Frau/Mann" aus, sondern ernennen eine "Beauftragte für Chancengleichheit" und erschlagen damit gleich meherer hässliche Sprachschmeißfliegen auf einmal. Solche Leute wiederholen dann nicht stumpf ihre vorgefertigten und/oder wechselnden An- und Absichten und versuchen diese anderen untertzujubeln. Solche Leute vertrauen der Sprache und denen die durch sie und mit ihr arbeiten, weil sie wissen, dass es sowieso nicht anders geht. Solche Leute vertrauen auch den Menschen, weil sie wissen, dass es sowieso nicht anders geht.

Niemand kann mir vorschreiben, was ich mit einem Begriff anstelle. Was ich darunter verstehe oder mir einbilde zu verstehen oder ob er sich in Nuancen inhaltlich von dem entfernt, was mein Gegenüber damit meinte oder doch myriaden Lichtjahre.

Ich finde es erstaunlich, wie Menschen, die bereits mehrere Jahre von und mit Sprache arbeiten, eine solch große Ungeschicklichkeit, ein solch großes Unvermögen, eine solch große Unlust und solch geringen Ehrgeiz mit sich herumtragen, sich mit einer angemessenen Umgangsweise mit ihrem Arbeitsgerät vertraut zu machen. Ich finde es noch erstaunlicher, dass sie - obwohl sie nicht in der Lage sind ihre Ansichten in konkrete Worte zu fassen und diese an der Realität abzuwägen - dass sie trotzdem nicht einfach die Kresse halten.

Mir geht es nicht um die, die Herumpalavern, krude Thesen in die Welt posaunen oder wenig Möglichkeit bekamen überhaupt eine gerade Sprache zu lernen. Mir geht es um die, die so tun, als seinen sie wichtig, aber nicht verbalisieren können, was ohne sie fehlen würde. Die, die immer was zu sagen, aber keine Meinung haben. Deren Anstand es nicht hergibt, auf Vorschlagsverwerfungen wenigstens in der Hälfte der Fälle einen konstruktiven Gegenentwurf vortragen zu können. Die, die keine Ideen haben, aber darauf bestehen, dass sie nicht nur gefragt, sondern ihre inhaltsleeren Wiederholungsrituale ernstgenommen werden.

Und mir geht es um meinen Kopf. Sprache ist ein wunderbares Ventil, wenn es hakt oder ruckelt oder rumort im Hirn. Sprache kontrastiert Gedanken (hier bspw. in schwarz und weiß), macht sie klarer erkennbar, verwerf- oder akzeptierbar. Sprache ist nicht nur lebendig, sie macht lebendig. "Wer redet ist nicht tot" schreibt Benn oder schöner: "Gedanken in Worte zu fassen, gleicht dem Versuch Seifenblasen einzufrieren" M. Arndt.

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