04.12.2011 10:56:56

Filtern und Blasen

goldener reiter

Hier liegt ein Zettel auf dem steht "Filter". Damit ich das nicht vergesse, weil ich was über Filter schreiben wollte. Nicht über das Zeug, was in Abzughauben so widerlich wird, auch nichts mit Rauchen und auch über diese unsägliche Methode Kaffee zuzzubereiten möchte ich hier nichts weiter verlieren. Filter, die uns den Zugang zur Welt ermöglichen, dass soll das Tema sein.

In den letzten Wochen tauchte immer wieder der Begriff der "Filter-Bubble" auf, den wohl Sascha Lobo geprägt hat, um zunächst ein Prinzip der (heutigen) Mediennutzung zu beschreiben. Kurz gesagt meint "Filter-Bubble" eine imaginäre Blase in der man sich "bewegt", deren hauchdünne Ränder sich dadurch auszeichnen, dass sie - ähnlich wie die Haut einer Seifenblase die Welt drum herum - die Innenwelt widerspiegeln, sodass man immer nur mit dem konfrontiert wird, was man sowieso schon kennt.

Maßgeblich trügen dazu die Algorithmen bei, die in sozialen Netzwerken, aber auch bei Google, Amazon und Co. unser Verhalten analysieren und daraus entsprechenden Vorschläge für uns interessanter Dinge unterbreiten. Soweit so gut und manchmal erschrickt man ja schon, wenn man bei Youtube Werbung für Automodelle sieht, nach denen man schon ein paar Tage ausschu hält. Wenn man speziell nach nicht so häufig auftauchenden Fahrzeugen sucht, bekommt man soagr immmer genau diese Angebote gezeigt und denkt sich: "Hmm, dolle, intelligente Maschinen."

Bei kleineren Anschaffungen passiert es mir sogar meist, das ich mir das entsprechende Objekt der Begierde bereits zugelegt habe und ich trotzdem weiter heftig mit den besten Angeboten dazu hofiert werde. Naja. Dolle, intelligente Maschinen. Aber sind es nur die Maschinen?

Ich glaube (und ich meine, das auch bei Lobo nochmal so gelesen zu haben), dass es diese Filter-Blase, diese selbstvergewissernde Engstirnigkeit schon immer gegeben hat. (Sowieso ist das immer meine erste, Vermutung, wenn ein derartiges Problem im Kontext neuer Medien oder aktueller Zustände aufgeworfen wird. Das allerwenigste Neue ist wirklich neu.) Nicht nur, dass es vor dem Internet bereits Redaktionen gab, die über das Wichtige/Interessante und Unwichtige entschieden haben. Es gab nie Bücher oder andere Informationsträger, die die Welt objektiv abgebildet haben. Das liegt unter anderem daran, dass niemand dazu im Stande wäre. Objektivität an sich ist eine subjektive Illusion.

Und nicht nur Medien betrifft dieses Problem. Ich bin mir sicher, dass man auch im sozialen Umfeld sich hauptsächlich mit Menschen umgibt, die die eigene Weltsicht teilen oder zumindest soweit ergänzen, wie es zum Erhalt der persönlichen Integrität erträglich ist. Ganz unpatetisch aus Selbstschutz. Eben weil Realität subjektiv, aber ein elementarer Baustein des eigenen Selbstkonstruktes ist, muss man mit externen Verfälschungen haushalten, um nicht irre zu werden.

Die Filter haben aber noch eine andere Funktion. Ähnlich wie unser Gehrin den allergrößten Teil der "objektiven" Informationen filtert, um reaktionsfähig zu sein, genau so bildet jeder seine Informationsfilter heraus, die er anzapft, um sich im Rahmen seiner zeitlichen, intellektuellen, sozialen und emotionalen Möglichkeiten mit der Welt da draußen (TM) zu konfrontieren.

Natürlich lassen sich Qualittskriterien formulieren, die man zur Bewertung der Filter heranziehen kann, aber wahrscheinlich sind diese auch immer nur subjektiv. Jemand, der seine Informationsquellen hautsächlich zur Festigung seines Selbstkonstruktes nutzt, der wird kein großes Interesse an klassischen, journalistischen Standards wie beispielsweise des Hörens aller Beteiligten haben. Anders herum wird ein Mensch, der eine möglichst umfassende Welt- und Erkenntnissicht anstrebt wenig übrig haben für Informationen über Statussymbole, die in bestimmten, eng umgrenzten sozialen Umfeldern einen Mehrwert bieten.

Also ist alles Filter und alles gefiltert? Wahrscheinlich ja. Daher ist es das wichtigste sich seiner Filter bewusst zu werden. Wenn man einen Vorteil aus den Analysen der intelligenten Maschinen ziehen kann (und sei es nur, dass man sich über sie lustig macht), ist das doch in Ordnung. Wenn man Wert darauf legt, sein Selbstbild möglichst nicht von "fremden" Einflüssen untergraben zu lassen, dann kann man auch dies anstreben. Reflexion über die und erkennen der Funktionsweisen der eigenen Filter ist das wichtigste. Das Erlangen der Möglichkeit sich seiner Filter gewiss zu sein. Und darüber hinaus der Erkenntnis, dass es sich eben nur um die eigenen Filterhandelt und die der anderen wahrscheinlich anders ausgeprägt sind.

Eine Grenze gibt es dennoch. Nämlich die, die es auch sonst immer gibt/geben sollte. Der/die andere/n. Meine Filter mögen für mich o.k. sein. Sobald sie jedoch dazu führen, dass mein aus ihnen resultierendes Handeln die Lebensqualität anderer einschränkt, müssen sie korrigiert werden. Notfalls mit Gewalt. Und im Zweifelsfall sind es dann die eigenen Filter, die angepasst werden müssen.

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