26.09.2011 16:22:23

Eigentlich würde ich als Titel gerne "Armut an Menschlichkeit" nehmen, aber so ganz trau ich mich das nicht.

Bild eines Orangeherzen

Da war letzte Woche diese Szene beim Fleischer, der allmontaglich das Mittagessen sichert. Ein Ort der (sicherlich auch aufgrund der geringen lukullischen Alternativen in der Gegend) zur "Mahl-Zeit" ein oft kurioses Biotop aus (Bau-)Arbeitern und Büroangestellten darstellt, in das sich ab und an Idividuen aus den nach oben und unten angrenzenden, sozialen "Schichten" verirren. So auch vorletzten Montag.

Eine zwiebeltechnisch eingepackte Frau mit Kopftuch, Tragetasche und einem dieser Hand-Taschen-Wagen, wie sie Deine Mudda Oma hatte, betrat vor mir das Fachgeschäft für tierisches Eiweis. Man sah ihr sofort an, dass sie nicht viel hatte und bemerkte auch bald darauf, dass diese Einschätzung sich bis in ihr soziales Handlungsspektrum ausdehnte. Der Begriff "sonderbar" wäre sicherlich nicht strapaziert gebraucht gewesen.

Sie sah sich ein wenig um, kramte dann in ihrer Tasche und hernach im Portemonnaie nach Pfenigbeträgen. Nachdem sich die Portion Kartoffelpüree mit einer Boulette (was ja eigentlich Frikadellen sind) als unerschwinglich herausgestellt hatte, bestellte sie unter den bereits genervt drängenden Blicken der Fleischereifachverkäuferin mittleren Alters nur den Kartoffelbrei.

Nachdem die Verkäuferin ihr eine mäßige Portion des (ansonsten als Beilage dienenden) Stampeses auf einem Teller hinstellte, fragte die Zwiebelschichtfrau kleinlaut, ob es noch etwas mehr sein könne. Die Verkäuferin erklärte ihr barschtönig, dass es sich um eine Beilagenportion handele und ein weiter Löffel des, nach Fertigpulver aussehenden Breis würde den Preis von 90 Cent weiter nach oben treiben. Erstaunlicherweise erwiederte die Kundin darauf sehr souverän, die Portion sein ja nicht einmal abgewogen, was die Verkäuferin jedoch offensichtlich als undiplomatisch auffasste und ebenso souverän, wenngleich ungleich unsympatischer mit einem: "Das ist eine Portion. Das ist so." abspeiste. Resigniert zog sich die Verhandlunsunterlegene an einen der Stehtische zurück und begann zu essen.

Ich ärgere mich noch immer, dass ich nicht (ich stand in der mittlerweile mehrer Leute umfassenden Schlange an zweiter Stelle) einfach gesagt habe: "Machen sie der Frau noch einen Löffen drauf, ich bezahle den mit." Ich bin wirklich nicht gut in kreativer Echtzeit-Sozialspannungslösung. Und obwohl ich natürlich nicht weiß, was ein solches Angebot bewirkt hätte, ärgere ich mich auch einfach darüber, es nicht getan zu haben. Ich hätte zumindest eines meiner Ziele erreicht: Die Zwiebelfrau wäre etwas satter geworden.

Ob die Grobschlächtige allerdings erkannt hätte, dass ich kein bischen Wert auf den Dank ihrer Kundin, sehr wohl aber großen auf das Erkennen meiner Verachtung gegenüber ihres Geschäftsgebahrens gelegt hätte, bezweifle ich doch. Aber wer weis.

Ebenfalls letzte Woche begab sich der seltene Umstand, dass ich Straßenbahn gefahren bin. Und weil mich der ÖPNV genauso liebt, wie ich ihn, bescherte er mir gleich zwei waschechte Nazis genau auf dem Nachbarsitz. Das ganze Setting war so gut eingerichtet, dass die beiden nicht nur einfach Äußerlich als rechte Schwachmaten zu erkennen waren, nein, sie gaben sich redliche Mühe auch alle Klischees, wie Hitlergruß, fremdenfeindliche Musik laut hören, Gröhlen oder Füße auf die Sitzfläche stellen, zu erfüllen. Ich war wirklich über die Ausdauer und Qualität der Performance <hitlerlike>Dorrrbähtong</hitlerlike> beeindruckt.

Jedoch musste ich auch in dieser Situation feststellen dass sich meine humanismuskorrektiven Aktivitäten einzig in meinem Kopf abspielten. Ich überlegte, so zu tun als ob oder wirklich die Polzei anzurufen und eine sich anbahnenden Schlägerei mit Nazis anzuzeigen, nebst Angabe der nächste Haltestelle. Auch wäre es eine Option gewesen, den Straßenbahnfahrer zu informieren, der sicherlich besser Bescheid wüsste, was in einer solchen Situation zu tun sei. Ich hab sogar überlegt, wegen der lauten Musik einfach bei der GEMA anzurufen, da es sich ja um eine quasiöffentliche Veranstaltung handele, bei der potentiell bestimmt 200 Personen zuhören könnten und zu fragen, ob dies angemeldet sei oder einfach mal zu versuchen mit dem musikverbreitenden Karrikaturnaziproll ein Fachgespräch über Schönheit dieser oder jener Septakkordverschiebung in Zusammenhang mit der semantischen Botschaft im gerade laufenden Lied zu diskutieren.

Wirklich getan habe ich (außer hier und da ein wenig merkwürdig geschaut) nichts. Ich wüsste auch jetzt nicht, was ich in der Situation tun sollte. Vielleicht, weil ich garnicht weiß, was ich denn als konkretes Ziel verfölge. Dass es keine Nazis mehr gibt? **Höhö** Dass er die Musik leiser macht? Hätte ich ihm vielleicht einfach nur sagen sollen. Dass er die Füße vom Sitz nimm? Nicht wirklich. Dass er aufhören soll, menschenverachtende Parolen zu posaunen? Das fällt mir doch schon bei deutlich geringerem Agressions- und Gefahrenlevel schwer genug.

Die Frage ist schon, welche Möglichkeiten man hat, um die Welt den eigenen Vorstellungen entsprechend zu gestalten. Was man sich traut. Ab wann einem welches Verhalten, welches Beobachtete soweit gegen den Strich geht, dass man dagegen einschreitet. Vorletztes Jahr als durchs Radio kam, dass die Nazis durch die Dresdener Neustadt marschieren wollen, da war so ein Punkt. DAS WOLLTE ICH NICHT. Oder vorhin, als dieser Artikel rum ging, der (leider) Sarkassmus mit Menschenverachtung verwechselt. Da hab ich auch erst hin und herüberlegt, aber dann fand ich das doof und hab was dazu geantwortet. (Obwohl die eigentliche, inhaltliche Auseinandersetzung mit dieser Geschlechtersache und generell Gleichberechtigung immer noch nur vage in meinem Kopf rumwabert - anderer Text)

Allerdings ist ein Tweet nicht mit dem Engagement zu vergleichen, das die 50 Cent beim Fleischer oder gar die Courage mit der GEMA-Nummer bei den Nazis gekostet hätte. Aber vielleicht ist es auch eine Frage des Abschätzens der eignen Möglichkeiten der Umgestaltung. Ich bin halt ein Feigling, wenn ich Gefahr laufe körperlich versehrt zu werden. Ich bin sogar meist ein Feigling, wenn es nur darum geht sich gegen institutionalisierte Obrigkeiten (Hierarchien) durchzusetzten.

Vielleicht bin ich dann mutig, wenn eine Distanz dazwischen liegt. Wenn es eine Möglichkeit und den Raum gibt, argumentativ zu streiten. Wenn Sprache noch möglich ist, kann ich mich der Hoffnung hingeben, Logik und Verstand könnten Dinge ändern. Denn Menschlichkeit hat meiner Meinung nach zwei prima Eigenschaften. Sie ist zu allermeist billig herzustellen und es gibt Wege sie aus jedem Individuum heraus selbst, d.h. ohne externalisierte Begründung abzuleiten - oder anders: Du willst es auch.

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