02.08.2011 13:03:38

Die eine oder andere Erkenntnis - zum Glück.

Ich bin weder so offen noch so ehrlich noch so schonungslos, wie ich gern wäre. Zumindest ist das das Ergenbis der ersten paar Stunden in der wiedergekehrten Realität (oder wie immer man das, was nun wieder im Wochenrhythmus vorüberschäumt, nennen mag). Ich habe mal wieder ein größeres Stück in einem Buch gelesen. Um genau zu sein in Haruki Murakamis (der ja schon öfter hier aufgetaucht ist) Sputnik Sweetheart.

Immer wenn ich das tue, wenn ich es schaffe oder (wie meistens) es die Gelegenheit ergibt, eine längere Passage in einem Roman zu lesen, kommt dieses Gefühl auf, sowas auch zu können oder können zu wollen. Einfach mal so alles irgendwie aufzuschreiben, was an Ideen und Eindrücken und Sprachbildern und Geschichten und so vorbeiplätschert. Erst recht, wenn es - wie in diesem Fall - das Erzählte hergibt, weil der/die Protagonist/en/in/nen entweder Schriftsteller oder Heimatlose oder Einzelgänger oder halt so Gestalten sind, denen man abnimmt, dass sie irgendwie aus dem Rahmen und in eine Story hinein fallen.

Das Buch ist jetzt nicht so umwerfend an sich (fast hätte ich geschrieben, dass es Schwächen hat, aber das klingt ja so, als würde ich schreiben ein Wein schmecke animalisch - gruselig), aber die Sumire, die Heldin, zeichnet ein großes Maß an Tragik aus. Und an Romantik. Und abgefuckter Sexyness. Vermutlich ist das garnicht gut für mich sowas zu lesen. Ich springe da sehr drauf an und werde auch schnell sentimental dabei. Erst recht auf dem Nach-Hause-Weg aus einem sehr schönen Urlaub. Quasi so, als würde ich analog zur Erzählung aus der Romantik in die Realität gezogen.

Surime macht in dem Buch ein plausibles Gedankenexperiment, indem sie ihre eigenen Schreibbemühungen als eine ausgiebige, denkende Reflexion beschreibt. Sie schreibe, schreibt sie, um dekonstruktiv ihre Eindrücke der Realität zu sortieren und zu verstehen. Sie schreibe, um besser zu denken. Das kenne ich. Das ist eine gute Beschreibung, für das, was mich antreibt Gedanken, Situationen, Ideen zu verschriftlichen und auf ihre Brauchbarkeit hin zu überprüfen. 

Sumire geht dabei davon aus, dass sie die Welt zunächst möglichst vorbehaltlos betrachtet. Quasi behavioristisch. Und erst im zweiten Schritt, im schriftlichen Sortieren, Konstruieren und Neukonstruieren eine Bewertung vornimmt. Diese Bewertung folge einer Logik, die sich aus ihr als Person aber auch aus den Dingen selbst ergebe. Aber ich werde zu theoretisch.

Das Schreiben ist nicht nur ein Aufräumen/Ordnen dessen, was einem widerfährt. Es ist auch ein Filter. Es gibt nicht die Realität wieder. Nicht mal ansatzweise. Es spiegelt, den persönlichen Ausschnitt des Wahrgenommenen minus das was Unter- und Oberbewusstsein abgezogen haben. Formuliertes zwingt den Leser dazu, die Welt durch die Augen des Schreibers zu sehen. Und Schreibende wollen diese Sicht aufzwingen. 

Ich will, dass jede/r, der/die sich antut, das hier zu lesen, das Beschriebene auch gefälligst so sieht, so wahrnimmt, wie ich es tue. Letztlich ist das eine sehr unfreie und diktatorische Vorgehensweise. Aber niemand, der schreibt, kann daran etwas ändern. (Im Übrigen auch alle anderen nicht, die reden oder malen oder so) Selbst wenn man möglichst viele Variablen und Eventualitäten zulässt, wird doch nur das weitergegeben, was die persönlichen Schranken des/der Autors/in durchlassen.

Pastis.

Auch so eine Schranke: Der Alkohol. Das Bild des einsamen Autors, der bei einem Glas Rotwein oder anderem, als erlesen zu bezeichnenden Alkohol scheibt. Ein Filter. Das Glas Pastis bremmste eben den Schreibfluss. Garnicht gemerkt, was? Immerhin habe ich dem Gelüst nach Cidre vor einer halben Stunde widerstanden ;). Hach Cidre, Rotwein, Pastis, Käse, der nach was schmeckt, was nicht so schmeckt, wie man im Supermarkt erwartet, dass der Scheibenkäse in der wiederverschließbaren Verpackung schmeckt, salzige Luft, Baguettes und kein Luftgebäck aus Mehl und Wasser, Meeresfrüchte (allein dieses Wort :)...

Frage: Wieviele Zeilen pro Tag muss man schreiben, um das alles dauerhaft um sich schaaren zu können? Wie viele Stunden Bagger fahren? Wie viel Kochen für andere? Wie viel Angeln? Wieviel Kraft muss man aufbringen, um nicht das Ziel aus den Augen zu verlieren, um nicht zu verzweifeln und nicht zu verbittern und nicht durchzudrehn?

Glück macht man mit sich selbst aus. 

Das war alles schon mal da. Ich hatte und konnte das alles mal. Früher und ich weiß nicht, wann genau dieses früher endete. Der erste Kuss? Der erste Sex? Die erste harte Liebesenttäuschung? Das erste mal merken, dass ein schöner Augenblich allein, keinen Wert hat? The first cut? Vielleicht auch das alles zusammen. Aber wenn der Absatz zuvor stimmt, dann ist das alles irrelevant. Dann sollte das nicht dazu führen, dass man unglücklich wird. Und in der Tat das war so.

Ich habe die vorletzten drei Tage Nächte geträumt. Unabhängig davon, ob man jede Nacht träumt und es nicht mitbekommt oder vergisst oder was auch immer. Ich meinen Träume, die im Bewusstsein kleben bleiben. Träume, die ... keine Ahnung was Träume sollen oder wollen. Aber gibt eben auch diese. Die, deren Bilder man noch nach dem Aufwachen im Kopf hat. Auch noch am Vormittag und die starken sogar noch Tage später. Ich will garnicht unterstellen, dass diese Träume etwas bestimmtes zu sagen haben, wobei der eine wirklich komisch war. Arbeitsbezogen und angenehm und völlig fern der Realität. Vielleicht will da etwas raus, vielleicht ist es auch nur ein Verarbeiten. Wichtig dabei ist für mich eher, dass es diese Eindrücke bis ins Bewusstsein und den Tag geschafft haben und ich entscheiden kann, ob ich damit hier und jetzt etwas anfangen will.

Das Gefühlte eines wohligen Traumes hält scheinbar länger an, als jedes andere Gefühl. Zumindest als die meisten anderen und es kommt immer wieder neu hervor, wenn man sich die Bilder und Szenen des Traumes in Erinnerung ruft. Fast schon reflexartig ist da das Bemühen, diese Eindrücke irgendwie zu konservieren. In Wort oder Melodie oder Bild festzuhalten.

Vorgestern abend habe ich noch an der Nordspitze der Ile Grande den großartigen, brachialen Wellen des Atlantik zugeschaut. Ein wenig verwundert bin ich eherlichgesagt, dass es mich da nicht ins Meer gezogen hat, so gebannt wie ich war. Faszinierend dieses ... muss man sehn. Live. Die Szene in "Das letzte Einhorn" in der der Rote Stier ins Meer gezwungen wird und die Einhörner aus den Wogen ans Land springen (ab Min. 2:40). Unheimlich kitschig, aber unheimlich romantisch. Nicht der Held ist der Held, sondern die Entschlossenheit. Ja, und die Magie. (Hey, es ist ein Zeichentrickfilm).

Unter anderem brachte der Urlaub (neben anderen) auch eine interessante Diskussion zum Thema Wasser informieren. Ja, ja, die Esotherik. Meine Quellen was das angeht sind ... beschränkt bescheiden, weshalb ich das alles als Unfug ansehe. Aber mit der Einstellung, die Welt zunächst möglichst bewertungsneutral zu betrachten, stellt man sich auch schon mal solchen Diskussionen, auch wenn sie keine Debatten darstellen, da sie wenig Aussicht geschweige denn Anspruch auf Überzeugung haben. Meine Kritik daran ist ja eiegentlich auch nur am Rande eine inhaltliche. Primär geht es mir ja um das Fehlen der Kausalität. Die Aufgabe des Beweises der Wechselwirkungen. Wenn fraglich ist, ob überhaupt etwas da ist, was wirken kann, dann sollte man eine Wirksamkeit umso deutlicher nachweisen müssen. Ist nicht mal klar, ob sich Wasser "informieren" lässt, sollte mindestens die Wirksamkeit informierten Wassers fraglos nachweisbar sein. Eine Hypothese ist immer nur so gut, wie ihre "Wirkung" an beziehungsweise in der Realität.

Das ist mit der Romantik nicht anders.

Und um diese nicht auszublenden, zum Schluss ein Zitat aus Sputnik Sweethart:

"Besonders hinter dem, was wir genau zu kennen glauben, lauert noch vieles, wovon wir nichts wissen."

Für solche Sätze liebe ich Schriftsteller/innen. Und hasse sie.

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