12.03.2011 15:52:56

Medienkompetenz adieu.



Was mir gerade eben, beim Lesen von Johnny Häuslers Artikel zu Facebook-Like-Gruppen wie Schuppen von den Augen fiel (ohne, dass es so da drin gestanden hätte): Medienkopetenz kann nicht mehr Vermittelt werden. Niemals mehr wieder. Weder institutionell noch sonstwie organisiert.

Ich hab mich ja schon öfter darüber beschwert, dass die Bildungsinstitutionen in diesem (und vielen anderen) Lande, deutlich versagt bei ihren Bemühungen, die "nächsten Generationen" auf den Umgang mit der heutigen (Medien-)Wirklichkeit vorzubereiten und ich möchten diese Einrichtungen und Mechanismen hiermit jetzt nicht in Schutz nehmen. Aber was mir eben bei dem Vergleich zwischen Facebook und Wahlcomputern klar wurde, ist der Umstand, dass Medien (im allgemeinsten Sinne den dieser Begriff haben kann) schlichtweg nicht mehr beherrschbar sind.

Es mag einzelne Sparten geben, in denen Unternehmen eine gewisse Vormachtstellung haben und durchaus meinungsbildend wirken, aber in Gänze, im Gesamtkontext der zur Verfügung stehenden Informations- und Kommunikationskanäle wird sich niemand (auch kein Konzern oder ein Staat) mehr die alleinige Hoheit sichern können. Irgendwie ist ja auch der Rücktritt von zu Guttenberg ein Beleg dafür, dass der von den Helden vorgebrachte Vorwurf der meinungsbildenden Wirkung der Bildzeitung nur noch begrenzt zutrifft. Ich meine, wer hätte das gedacht, dass gegen den erklärten Willen der BILD-Zeitung ein (angeblich) hochverehrter Politiker abtreten muss.

Doch entscheidender finde ich, ist in diesem Kontext der blick aufs Individuum. Ich bin bislang davon ausgegenangen, dass es möglich sein müsste Menschen dahingehend zu schulen, mit Medien kritisch umgehen zu können. Dass es (über die grundlegenden Kulturtechniken Schreiben und Lesen hinaus) möglich sein müsste, elementare Fertigkeiten zu vermitteln, um Informationen zu filtern, zu bewerten und zu gebrauchen. Doch dem ist nicht mehr so.

Wer weiß schon, was sich hinter einem iLike-Klick verbirgt? Du? Jemand der einen solchen Link unter einem Inhalt bereitstellt? Der Hoster der Inhalte? Facebook selbst?

Es weiß niemand.

Ein bischen wie gerade mit dem Reaktor in Japan. Wieso ist die Berichterstattung so tendenziös misstrauisch gegenüber den Regierungserklärungen unserer "japanischen Freunde"? Oder ist es nur meine persönliche Empfindung, dass allen in Deutschland eilig ans Telefon gerufenen "Experten" per Ferndiagnose mehr Glauben geschenkt wird, als den Behörden und Technikern vor Ort? Ist es eine verzweifelte, eine kühne oder eine kluge Idee einen havarierenden Reaktor mit, im Überfluss zur Verfügung stehendem Meerwasser zu kühlen? (Immerhin war das auch meine erste Idee, als ich von der Überhitzungsgefahr geört habe: Praktisch, dachte ich, wenn dann gleich ein Tsunami für Abkühlung sorgt.)

Ist es sarkastisch, wenn neben der Meldung über 10.000 Vermisste (in einer Region mit überhaupt nur 17.000 Einwohnern), die "Forderung der Opposition" (auch so ein iLike-Link) nach einer Neubewertung der Atomausstiegsdebatte steht, keine 12 Stunden nach dieser Katastrophe? Oder ist das Journalismus? Das Beleuchten eines Themas von möglichst allen Seiten?

Ist vertretbar, dass zu Guttenberg es doch tatsächlich noch mal in die Zeitungen schafft, nur auf Grundlage seines Smoke-On-The-Water-Wuhnsckonzertes? Und ist es vertretbar, dass sich angeblich gestandene Medien nicht zu dämlich sind, eine solche Meldung auch noch im Gewand einer nachrecherchierten (Der letzte Zapfenstreich bei dem sich ein scheidender Politiker ein ähnlich aktuelles Stück gewünscht...) Nachricht zu kommunizieren?

Niemand wird mehr in der Lage sein, auf diese Fragen eine Antwort zu finden.

Es wäre nun klug zu fordern, dann müsse es eben jedes Medium selbst in die Hand nehmen, seine Konsumenten zur Medienkompetenz zu erziehen. Klug und dumm. Denn wird natürlich nicht passieren. Die meisten Medien haben entweder kein Interesse daran seine Konsumenten zu einer kritischen Auseinandersetzung zu erziehen, die anderen haben vermutlich nicht die Möglichkeit dazu.

Ich habe noch die Worte eines CDU- oder CSU-Vertretes im Ohr, der um Zuge zu Guttenbergs Rücktritt sinngemäß sagte: "Wenn es ausreicht, dass irgendwelche Leute auf irgendwelchen Seiten im Internet etwas lesen, um einen so fähigen Politiker zu Rücktritt zu drängen...". Ich habe die "irgendwelche Seiten im Internet" auf das Guttenplag-Wiki bezogen und mich gefragt, wie transparent ein Vorwurf aufbereitet sein müsse, um eine Einstellungsänderung bei diesem Politiker zu bewirken. Der Mann ist sicherlich des Lesens mächtig und wie ein Link funktioniert, denke ich, wird auch mittlerweile begriffen haben. Und dennoch schafft es das Medium nicht, seine Botschaft zu transportieren. Eine Kommunikation findet nicht statt.

Ich denke nicht, dass es etwas mit Alter oder Generation oder Bildungsschicht zu tun hat. Ich kenne genug Menschen, die exakt gleich allergisch auf beispielsweise Bücher reagieren. Die meisten Nutzer (ich vermutlich auch) wissen nicht mal ansatzweise wie Internet funktioniert, geschweige denn wozu IPV6 gut ist und was es bedeutet, wenn wir zukünftig eineindeutige, numerische Zuordnungen für jedes Atom im Weltall haben, also auch für jeden iLike-Link und jeden Transistor in jedem deiner Handys und Prepaidkarten.

Die Erkenntnis ist ja nicht so neu, dass jedes Medium seine Konsumenten erzieht. Aber ich denke, dass auch dies zukünftig in einer Eigendynamik stattfinden wird, über die keiner der Beteligten mehr eine Kontrolle hat. Und ich weiß gerade nicht, wie ich das bewerten soll. Vielleicht ist das sogar gut. Vielleicht sind es die Katastrophen, die dazu führen, dass jeder für sich lernt zwischen dem Unfug und dem Wichtigen zu unterscheiden, zwischen der echten Dramen und den künstlichen und zwischen dem, was sie oder er wirklich mag oder schecklich findet und dem, was zur täglichen Belustigung und Kurzweil herangekarrt und als "relevant" verkauft wird.

Ich glaube schon, dass es grundlegende, sinnvoll Fertigkeiten und Techniken der Mediennutzung gibt. Aber ich denke, dass sie sich nur noch in Echtzeit abbilden lassen und nicht mehr präventiv vermittelt werden können.

"Adieu" bedeutet im Übrigen "Gott befohlen", also die Aufgabe der kausalen Erklärbarkeit und Abbgabe der eigenen Verantwortung.

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