24.02.2011 14:15:07

Information(en)



Wenn man mal zwischendrin eine Woche unvorhergesehen frei hat, gezwungener Maßen die eigenen Ansprüche an Leistungs- und Vollendungsfähigkeit heruntersetzen muss und dies nach zwei, drei fiebrigen Nächten auch akzeptiert, kommt man in die Lage, sich umfassend zu informieren. Radio und Internet bieten die Möglichkeit neben den alltägichen Nachrichten verschiedensten Themen nachzugehen. Man kann nachrecherchieren und die Fragen (die sich in der täglichen Nutzung von Medien nicht einmal so recht stellen wollen) zu beantworten versuchen.

Und dann kommt irgendwann der Punkt, an dem auch dies Überdruss bereitet. Das nervige und über Stunden inhaltsgleiche Wiederholen von "Meldungen" und "Hintergründen" und "Fakten" und "Spekulationen" verschwimmt zu einem Brei, der das Gehirn verklebt und dessen man sich schleunigst entledeigen will. Einfach abschalten, wie damals bei Peter L.

Dabei ist es unerheblich, ob es sich um so kroteske und konstruierte Geschichten wie dies unsägliche Gelaber um zu Guttenberg oder um tatsächlich betreffende Angelegenheiten wie die Gegenproteste gegen den versuchten Naziaufmarsch letzen Samstag in Dresden und das ebenfalls unsägliche Gelaber in dessen Nachhut handelt. Irgendwie sind die Inputkanäle einfach voll und jede zusätzliche, sachbezogene Information wird nur als Belastung und Überforderung bewertet und nicht mehr inhaltlich geprüft, geschweige denn in das bisher Gehörte und Gelesene integriert. Einfach abschalten.

Die jeweils persönliche und sachbezogene Grenze der Komplexität ist erreicht. Ab hier gibt es keine Meinungsbildung mehr, wenn es die überhaupt in der "Informierungsphase" gegeben hat. Vielleicht ist es mit Informationen, mit Geschichten wie mit Lehrenden (und vermutlich allem Anderen, dem wir begegnen): Unsere Meinung bilden wir uns in den ersten zwei, drei Minuten. Und diese Meinung behalten wir als "Grundmuster" in Bezug auf diese Sache oder Person für die nächsten Jahre bei.

Und vielleicht ist es deshalb auch nicht wichtig, was ich im Nachhinein über die Motivationen und Befindlichkeiten der EU-Abgeordneten, der Staatsvertreter und der EU-Außenbeauftragten in Bezug auf die aktuellen, staatlichen Tötungen der Zivilbevölkerung in Libyen erfahre. Ich finde - und dies seit der ersten Meldung - dass die so genannte internationale Staatengemeinschaft hier eingreifen sollte. Allein schon deshalb weil man Tote, weder wiedererwecken noch im Nachhinein befragen kann. (Und im übrigen auch, weil sich Muammar al-Gaddafi nicht nur unzivilisatorisch sondern unmenschlich und unmöglich aufführt).

Und ich finde, dass zu Guttenberg deshalb zurücktreten sollte, weil er als Politiker nicht in der Lage ist adäquat mit der laufenden Beschuldigungssituation umzugehen (und nicht, weil ich ihn ohnehin nicht mag), ganz gleich was nun Opposition und Regierung an Entschuldigendem und Anklagendem vortragen.

Auch von meiner Meinung, dass die Unmündigekeit der Konsumenten in Bezug auf die "Benutzbarkeit" von Lebensmitteln zuallererst ein Verschulden und Versäumnis der Bildungspolitik ist, das noch zunehmen wird, lasse ich mich nicht durch eine zweieinhalbstündige Sendung mit Vertretern der Lebensmittelbranche und den Verbraucherverbänden abbringen, die sich über das Kleingedruckte auf Fertigsuppentüten streiten. Für den, der nicht lesen kann, ist es egal wie groß Informationen abgedruckt werden. Für den der nicht denken kann ist es gleichgültig ob Kausalitäten nachvollziehbar sind.

Vielleicht ist es garnicht schlecht, sich auf den ersten Eindruck erstmal zu verlassen. Wenn in Hamburg die SPD auf einen Schlag die alleinige Regierungsmehrheit bekommt, aber in den wenigsten Beiträgen dazu erwähnt wird, dass die Wahlbeteiligung bei nur kanpp 57 Prozent lag, dies aber meine erste Frage beim Vermelden der Prozentzahlen war, ist es sowieso fragwürdig inwieweit die tägliche Informationsdichte ausreicht, um den ersten, affektiven Eindruck gegebenenfalls zurechtzurücken.

Hinzu kommt, dass allein die Verwendung von Schlüsselwörtern, also eines pro- oder contragerichteten Vokabulars einen entscheidenden Einfluss auf die Bewertung der einer Meldung oder einer Nachricht haben. Sodass weitere Informationen über die gleichen Kanäle nur zu einer Manifestation des ersten Empfindes führen, nicht zu einer weiteren Differenzierung.

Wie gesagt, vielleicht ist es ganz gut, den eigenen Erfahrungsschatz anzuwenden und sich erstmal auf den ersten Eindruck zu verlassen, wenn man mit Informationen überschüttet wird. Hin und Wider zeigt sich dann im Nachhinein sogar, dass das "komische Gefühl" des Unverständnisses von Vorgängen oft nur ein Anzeichen von Doppelbödigkeit und Verarschung ist, wie etwa damals (als sei das schon so lange her) bei der Hypo Real Estate.

Man sollte sich nur im Klaren sein, dass auch die eigenen Erfahrungen nur ein Versuch sind, Ordnung ins Chaos zu bringen. Das heißt Fanatismus rechtfertigen diese ebensowenig wie eine Fülle an detailierten Informationen. "Recht" hat am Ende sowie niemand, oder jeder. Beides ist unbefriedigend. Eine "ÜBerauseinadersetzung" mit einem Thema führt also nicht so ohne weiteres dazu, dass man sich ein besseres Urteil bilden kann, birgt aber in jedem Fall die Gefahr, dass man im Klein-Klein der Argumente und Gegenargumente, der Aspekte und Gesichtspunkte die eigentliche Fragestellung aus den Augen verliert. Deshalb kommt so selten etwas Gescheites dabei raus, wenn man sich lange mit einer Kontroverse beschäftigt. Totreden bringt zwar vielleicht den beteiligten Diskutanten etwas aber sicherlich nicht der Sache.

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