13.02.2011 20:29:44

Integrationsneid



Da träfen Welten aufeinander, sagte er zur Verabscheidung. Das, nachdem wir uns gut zweieinhalb Stunden über Integration und ein gutes Dutzend anderer Sachen unterhalten hatten und ich mich für das interessante Gespräch bedanken wollte. Neben dem üblichen, beruflichen Kram der als Gesprächsstoff beim Mitnehemn von Mitfahrgelegenheitlern dient, kamen wir kurz vor Leipzig auf Sarrazin und generell auf die Aufnahme von Fremden und die Annahme von Fremdem.

Es wurde zwar recht schnell deutlich, dass wir unterschiedlicher Ansicht im Grundsatz waren. Ich habe Sarrazins Buch nicht gelesen, er sehr wohl (und scheinbar sehr gründlich). Jedenfalls zittierte er (wie man so zittiert, wenn man es nicht gewohnt ist zu zittiern) einges davon, verwies auf die Daten, Fakten und Statistiken und kam immer wieder auf die Muslime und ihre (weltweite, denn es würden sogar (und scheinbar nahm er an beim Verweis darauf handele es sich um einen ähnlichen Qualitätssicherungsparameter, wie etwa beim Tomatentest in der nächtlichen Messersetreklame) Vergleiche mit Australien angestellt) Integratonsunfähigkeit. Muslime stünden demnach immer ganz oben auf den Listen der Transfairleistungsempfänger und ganz unten auf den Listen der erfolgreichen Bildungsinanspruchnehmer.

Trotzdem fand ich das Gespräch irgendwie gut. Es war ein Diskurs. Es wurden Meinungen und Standpunkte ausgetauscht. Es wurde versucht die eigenen Argumentationslinien zu belegen und nachvollziehbar zu machen. Trotzdem stellte sich mir anschließend die Frage, ob er mit seiner Abschlussaussage nicht vielleicht recht hatte. Was ja sein kann. Vielleicht trafen hier wirklich Welten aufeinander.

Er hatte eine deutliche Leistungsorientierung. Er sagte Sätze wie den, dass sich Arbeit nicht mehr lohne. Er sprach von faul herumliegenden Hartz-IV-Empfängern. Ich habe diese Orientierung nicht und sehe nur in Ausnahmefällen Leute aus purer Faulheit "Nichts" machen.

Ich sagte, dass ich glaube, Neid stünde hinter solchen Beobachtungen. Neid, der letztlich immer die Angst vorm eigenen Scheitern beinhaltet. Auch, dass ich denke, dass zur Zeit staatlicherseits billigend in Kauf genommen wird, dass ein Teil der Bevölkerung in Lebenslagen kommt, in denen eben diese Existenzängste (und seinen es nur Ängste, in existenzgefährdende Lebenslagen abrutschen zu können) wüchsen. Und das daher ein guter Nährboden für Neid und die Abgrenzung zu anderem und anderen gelegt würde.

Er fand es nicht richtig, dass Muslime in Deutschland Minarette bauen dürften, wo doch Christen in der Türkei solche Schwierigkeiten beim Errichten von Kirchen hätten. Ich hielt das für einen schiefen Vergleich, da ich es als ein Gütesiegel betrachte, dass so etwas unsinniges wie ein "Gotteshaus" von jedem, der das Geld für Grundstück, Baugenehmigung und Bau hat, auch hingestellt werden kann. Über die prinzipiell zu hohe Einbindung von Religion in gesellschaftliche Belange waren wir uns einig.

Er erzählte, er stünde gerade vor der Entscheidung für ein, zwei Jahre nach Vietnam zu gehen. Nicht des Verdienstes wegen, der sei eher bescheiden, der Erfahrung wegen.

An die Überlegung, ob hier wirklich Welten aufeinander stießen, schloss sich - wieder zurück auf der AUtobahn - die Frage an: Wenn zwischen den Standpunkten dieser Unterhaltung schon Welten lägen, wie unendlich weit muss dann der Abstand zwischen zwei Menschen (oder Bevölkerungsgruppen) unterschiedlicher Herkunft, Glaubensansichten oder Muttersprache liegen und wie unwahrscheinlich muss es sein, diese ineinander zu integrieren?

Vielleicht kann man Integration aber auch anders begreifen. Vielleicht bedeutet Integration einfach nur, sich gegenseitig nicht aufs Maul zu hauen, wenn man nicht versteht, warum der eine das eine so und der andere das eine anders macht. Es geht nicht darum nett zueinander zu sein, es geht darum zu akzeptieren dass man nicht das Zentrum der Welt ist und dass man deshalb auch Platz für die anderen lassen muss.

Den Respekt, den wir einander schulden, ist die Zeit in der die Straßenbahn hält und nicht wir sondern die anderen aus- und einsteigen.

Immerhin ging es nicht um Nazis.

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