14.08.2010 02:15:47

Sehnsucht.



Es gibt Dinge, die musst du wohl mit dir selbst ausmachen. Dinge, die dich ewig verfolgen, ewig an dir haften und ziehen und zerren. Die du meinst, mit Ablenkung oder Konfrontation lösen zu können. Dinge, die Thema sind und bleiben, vordergründig und bewusst und - aufwändiger - im Hintergrund, kurz unter der Oberfläche der alltäglichen Operationsebenen. Unauffällig strudelnde Schatten, die ganz leicht den Fluss der Umwelt verändern, sodass nur du als geübter, auf sie trainierter Beobachter ihre Anwesenheit bemerkst. Allen übrigen bleiben sie bis zu einer eventuellen Erläuterung verborgen.

Du spürst sie immer im Nacken und erschrickst dich hier und da, wenn du wirklich für einen kurzen Moment nicht an sie gedacht zu haben glaubtest. Das kommt selten vor, sind sie doch tief verwoben in dein Wahrnehmungs- und Bewertungssystem und in diesem ständig präsent. In jeder Minute baust du eine neue oder stolperst über eine alte Verknüpfung zur eigenen Sehnsucht und selbst in den fehlinterpretierten Bezügen verstecken sie sich mit einer hartnäckigen Ironie.

Sie treiben dich nachts um und sonnen sich tagsüber in der Welt, wie diese Figuren in den Suchbildern. Schieben lässig ihre Sonnenbrille ein kleines Stück herunter, grinsen und zwinkern dir ein "memento mei" zu, wenn du sie entdeckst ... als ob sie dich daran erinnern müssten. Sie wuseln diffus entlang aller Aufmerksamkeitsränder des Tages und überwältigen dich in den nebligen Phasen der Bewusstseinsübergänge.

Vielleicht ist die entscheidende Frage nicht, wie oft sie dich nerven, pisacken, an den Rand des Wahnsinns treiben. Nicht, wie oft Du dagegen ankommst, Dich ablenkst, doch wieder auf sie hereinfällst. Und nicht, wie lange oder kurz die Abstände sind, in denen du einigermaßen ohne sie bist oder die Zeiträume, die du mit ihnen verbringst. Vielleicht geht es nur darum, sie zu sehen, zu erkennen, zu enttarnen in ihren vielen Verkleidungen. Darum sie bloßzustellen, ihnen ins Gesicht zu schauen, die Hand zu heben, ihnen deine drei Mittelfinger waagerecht und eng nebeneinanderliegdend unter die Nase zu halten und sie aufzufordern, sie möchten doch bitte zwischen den Zeilen lesen.

Vielleicht geht es nicht darum die Sehnsucht zu überwinden, zu befriediegen oder ruhig zu stellen. Vielleicht geht es darum, sich nicht alles von ihr bieten zu lassen.

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