01.01.2010 22:36:45

"Was ist ein Mann ohne Beine?"

Das ist o.k. Ich kann das ab. Mittlerweile. Es gibt kein Stechen mehr, wenn ich so etwas höre. Nirgendwo. Ich bin behindert, eingeschränkt, das ist klar, aber ich bin nicht mehr getroffen. "Ich bin ja auch nur ein halber Drecksack", denke ich mir dann und muss sogar grinsen.

Vor drei Jahren hätte ich mir das nicht geglaubt. Nichts habe ich mehr geglaubt, garnichts. Es war alles weg. Alles zu Ende. Da war keine Struktur mehr, kein Ziel oder Sinn. Ich lag in einem Sumpf. In gleichförmigen, zähem Modder aus dem, was im Putzeimer übrig bleibt, wenn man im Winter fünf Etagen Treppenhaus geputzt hat. Nur das es bei mir da war, ohne, dass ich geputzt hätte. Ich war im Wischwasser. Ich war der zerfledderte Putzlumpen.

Das ist vorbei. Ich kann über die Witze lachen, was wohl einer der sichersten Beweise ist, mit seinen Gebrechen klar zu kommen: Darüber zu lachen. Nicht wahnwitzig, sondern amüsiert.

Kim ist da. Kim hilft mir. Das ist einfach bei einigen Sachen notwendig. Sie war irgendwann da, nach dem Unfall, nach dem Leben im Wischwasser. Ich weiß nicht mal wann sie aufgetaucht ist. Sie hat mich quasi ausgewrungen, ausgeschüttelt, durchgewaschen. Danach gebürstet, aufgeschüttelt, zum Trocknen aufgehangen und mich anschließen ordentlich in ein Leben zusammengelegt. Ein neues Leben. Ein anderes. Aber ich lebe wieder.

Sie spricht mich nicht darauf an. Niemand spricht mich darauf an. Manchmal denke ich, es hat sich mittlerweile ein geheimes soziales Netzwerk um mich herum gesponnen, was alle neuen Bekanntschaften oder die Menschen mit denen ich kurzfristig zu tun habe darüber informiert, mich nicht darauf anzusprechen. Ganz selten passiert es trotzdem. Dann falle ich.

Ich stelle mir vor, dass sich Epileptiker so ähnlich fühlen müssen, wenn sie einen Anfall haben. Mir wird kurz schwindelig und dann bin ich wieder im Putzeimer. Werde langsam darin herumgerührt. Haare. Staub. Schmutz. Schlamm. Dunkles Grau. Schatten, die sich drehen. Ich sehe King Kong. King Kong auf dem Eis. Unbeholfen, naiv. Das beste Gefühl. Das Kink-Kong-Gefühl. Keine Ahnung haben, was passiert und es überwältigend finden. Nein, es gar nicht finden, es einfach passieren lassen. Sich einfach mitdrehen. Alles verschwimmt. Alles ist zusammen.

Sehr selten passiert das. Kim passt auf. Sie merkt mittlerweile schon, wenn der Schwindel kommt. Sie ist sehr aufmerksam. Sie liebt mich. Ich liebe sie. Das Leben mit ihr ist sehr, sehr schön. Sehr, sehr oft.

Ich war Eiskunstläufer. Ich war gut. Ziemlich gut. Ich konnte es einfach. Es war das, wofür ich da war. Es strengte mich nicht an. Es lief von selbst. Vor fünf Jahren hatte ich einen Unfall und verlor mein linkes Bein und mein gesamtes Leben. Irgendwann kam Kim und reanimierte mich. Was dazwischen war, weiß ich nicht mehr. Sie ist alles was zählt und alles was ich will. Aber wir werden niemals zusammen Schlittschuh laufen. Uns wird nie das King-Kong-Gefühl verbinden.

Der riesige Affe, unbeholfen auf dem Eis, wie ein kleines Kind. Und plötzlich weiß er wie es geht und es geht von allein. Dahingleiten. Augen schließen. Drehen. Die Welt in gefrorenen Schlieren. Unschärfe umschließt das alles und vereint es. Bis, BÄM, die Artillerie einschlägt. Panik. Orientierungslosigkeit. Wegrennen. Flucht. Angst. Er spürt die Kälte.

Mir wird kalt. Kim kommt und massiert mir die Schulter. Sie ist sehr aufmerksam.

"Wir gehen jetzt Eislaufen", sagt sie. "Mit einem Fuß?", frage ich ruhig. "Nein", sagt sie, "mit drei Füßen." "O.k." sage ich ruhig.


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