02.09.2010 22:28:30

Verrückt.



"Als Wahnsinn oder Verrücktheit wurden in der Geschichte des Abendlandes bis zum Ende des 19. Jahrhunderts bestimmte Verhaltens- oder Denkmuster bezeichnet, die nicht der akzeptierten sozialen Norm entsprachen. Dabei bestimmten stets gesellschaftliche Konventionen, was als „Wahnsinn“ verstanden wurde."


Auch wenn es mir ausdrücklich nicht um den (so nicht vorhandenen) klinischen Begriff des Verrücktseins oder der Verrücktheit geht, sondern um den umgangssprachlichen, steht in diesem Auszug aus der (ehemals) allwissenden Müllhalde ein elemntarer Kern in der Betrachtung von "verrückt". Beschäftigt man sich mit der landläufigen Bedeutung bzw. dem Verständnis von verrückt, stößt man zwangsläufig auch auf den Begriff "normal".

Verrückt ist (auch wenn es laut Wikipedia war, im Alltag ist es immer noch so) das Abweichen von der Norm. Das, was das Zeug dazu hat, die Gesellschaft in der bestehenden Form maßgeblich zu verändern oder gar zu sprengen. Verrücktes Verhalten ist nicht nur unüberlegt, unvorsichtig, impulsiv, schädlich (für sich selbst), im Kontext mit anderen ist es unberechenbar und daher in hohem Maße asozial, gesellschaftsschädlich.

Zusammenleben mit anderen bedarf unedingt einer Verlässlichkeit, einer Art Prophezeibarkeit für den Gegenüber. Das erfordert von den Beteiligten sowohl die Fähigkeit das eigene Verhalten zu beurteilen und dazu noch eine hohe Qualität darin, einschätzen zu können wie dieses Verhalten von den anderen wahrscheinlich bewertet werden wird.

Worauf ich hinaus will? Es gibt feine Abstufungen des Verrücktseins. Es gibt das klinisch behandlungsbedürftige Wahnsinnige von oben und es gibt das, was die spießigen Nachbarn von gegenüber mittels Naserümpfen zu unterbinden versuchen. Und es gibt mehrere Milliarden Beispiele und Gelegenheit dazwischen entweder verrückt oder akzeptiert zu sein. Viele davon lernt man im Zuge dessen, was gemeinhin als Erwachsenwerden bezeichnet wird. Manchmal wird es auch als andauernder Kampf beschrieben, zwischen dem was aus dem eigenen Inneren heraus relativ rücksichtslos die eigenen Bedürfnisse zügig versucht umzusetzten und eben dem diffusen, punktuell korrigierenden Konsens namens Gesellschaft.

Manchmal ist man in diesem Konflikt. Manchmal fragt man sich: Bin ich normal? Sollte ich diesem oder jenem jetzt spontan nachgeben? Sollte ich einfach mal auf das pfeifen, was (ich denke dass) von mir erwartet wird? Sollte ich jetzt nicht einfach durchdrehen oder mich in eine Ecke setzen und vor mich hinsabbern?

Und auf die meisten dieser Fragen hat man eine gelernte Antwort, was die Sache einfach macht, erträglich und damit lebbar. Aber das Entscheidende, das worauf es wirklich ankommt und das was letztlich zeigt, dass man eben genau nicht verrückt ist, ist die Tatsache, dass man sich immer wieder den Zweifel, den Beschwerlichkeiten und Qualen dieser Frage aussetzt: Bin ich verrückt?

Sie zeigt, dass man nicht irgendwann entschieden hat, verrückt zu sein und seither sich dem einfach hingibt. Verrückt sind die an den Extremen, die sich nicht mehr fragen, wie sie sich ihr Leben vorstellen. Die nicht mehr entscheiden können verrückt zu sein oder normal, weil sie keine Gelegenheit mehr dazu haben. Weil sie sich keine Gelegenheit mehr dazu geben.

Dabei ist es nicht mal besonders schwer zu verstehen, warum sich Menschen dazu entscheinden entweder verrückt zu sein oder sich im Rahmen des Normalen zu bewegen. Es ist ... bequem. Der Stresspegel ist relativ gering dabei. Ich will das niemandem vorwerfen. Immerhin zementieren sie ja letztlich auch die Grenzen an denen sich die "Verrückten" reiben und messen können. Dennoch halte ich es für interessanter, ja - für schlicht interessanter sich selbst in Frage zu stellen. Es ist natürlich nicht bequemer, aber auch nicht effektiver oder sicherer oder was-auch-immmerer. Es ist eine Variante, für die man sich entscheiden kann.

Man kann sich dafür entscheiden, immer wieder neu entscheiden zu müssen.

Was sagt eigentlich der Assotiations-Blaster zu verrückt?

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