27.08.2010 20:19:23

Ist das für mich richtig?



(Schultheatertreffen der Länder, 2002, Cottbus)

Na gut. Eigentlich hatte ich den einen Tab zum Thema schon wieder geschlossen. Eigentlich wollte ich Feierabend machen, mich nicht mehr aufregen. Wasser im Keller, Wasser im Keller sein lassen und auch alles andere, alles andere. Mich ans Essenmachen machen und dann "chilln" wie man so sagt.

Aber dann war da noch ein Tab offen. Der war nicht besser als der erste. Nicht so tiefgründig difizil wie bei Niggemeier. Es gab darin auch keine besondere Stelle, kein Wort, keinen Satz, kein Zitat, das ich benennen könnte, die mich doch nötigen das hier zu schreiben. Es war schlicht Wut.

Wut über Dummheit. Wut über Arschlöcher. Wut über Menschen, die nicht willens sind ihr verdammtes Gehirn zu benutzen. Menschen, die zu bequen sind zu denken, zu fragen. Menschen die immer noch nicht begriffen haben, dass es nur zwei Gedanken braucht, um von einer Behauptung die jemand über andere aufstellt zu einer Behauptung zu kommen die jemand gegen mich aufstellt. Und die daher nicht als Grundprinzip verinnerlicht haben, dass die erste Frage auf Aussagen anderer immer sein sollte: "Stimmt das für mich."

Ja, ich ordne das in die Schublade "Esoterik" ein. Glaube. Ich nehme etwas an/hin, ohne mich zu fragen, stimmt das für mich. Ohne mir zu überlegen, was es für mich bedeutet.

Ich unterstelle, dass der größte Teil der Leute, die Sarrazins Aussagen für gut heißen (und es gibt offensichtlich sogar welche, die sie für wahr halten) nicht weiß, was diese Aussagen für sie selbst bedeuten, schlicht weil sie nicht darüber nachgedacht haben.

Es gibt diese Reaktionsmuster (und ich hoffe das Soziologen ein paar Fachbegriffe dafür bereit halten) das sich Peer-Groups genau dadurch stabilisieren. Einer sagt etwas und alle stimmen ihm zu, weil er ... ja was eigentlich? Der Anführer ist? Der Chef? Der mit den meisten Weibchen (was die Chance erhöht auch mal zum Zuge zu kommen)?

Was ist es, was die Polemik, die Dreistigkeit, die Profanität der Sarrazine dieser Welt ausmacht? Woher kommt dieser Reflex, den eigenen Verstand bereitwillig an den Nagel zu hängen - schlimmer noch nicht mal diese Entscheidung aktiv zu treffen? Wieso kann ein aufgeklärter Journalist nicht fragen: "Wie kommen Sie darauf?" "Wo haben Sie diese Zahl her?" "Was soll der Scheiß, ich habe recherchiert und kann Ihnen jede Ihrer demagogischen Behauptungen solange um die Ohren hauen bis Sie kotzen müssen!"

(Das soll hier jetzt in keinster Weise die leidige Journalismusqualitätsdiskussion aufmachen. Das Beispiel
entstammt einfach dem gerade gelesenen Kontext.)

Erst recht will ich das nicht an irgendwelchen Bildungs- oder Intelligenzebenen festmachen. Die Frage woher eine Behauptung kommt, kann sich jeder stellen. Das ist nicht abhängig vom Intellekt. Und es ist auch nur ein Beispiel, diese Sarrazin-Sache. Eine wirklich widerliche, die mich vielleicht deshalb so wütend macht, weil sich an ihr besonders deutlich zeigt, wohin uns diese Faulheit führt. Wohin es uns treibt, wenn wir freiwillig auf die einfachste Möglichkeit verzichten, die Welt so zu gestalten, wie sie uns genehm ist.

"Ist das für mich richtig?"

Häufig (und ich glaube ich hatte das hier auch schon mal so oder ähnlich) werden bei der Unterscheidung zwischen Glaubenssachen und Denkenssachen Maßstäbe wie Nachprüfbarkeit, Plausibilität, Verifizierbarkeit und sowas herangezogen. Diese haben auch alle ihre Berechtigung und taugen auf einem höheren Abstraktionslevel zur Abgrenzung gegeneinander. Aber was ist es denn, das uns im Alltag nicht zu Bastarden und Arschgeigen macht?

Einzig und allein das Verhalten, das wir einander gegenüber bringen. Direkt und ohne langes Nachdenken. Und wie verhalten wir uns da? Wie wir es für richtig halten. Mit allen Abstufungen, Befindlichkeiten und Intensionen die es da so gibt. Mit den Wünschen, Ängsten, Nöten und Gedanken die uns betreffen. Und wieso zum Teufel ist es nicht möglich das von der Face-to-Face-Ebene auf eine grundsätzliche zu heben? Sind wir wirklich so schitzophren, dass wir - sobald wir den Menschen über die wir reden, nicht mehr gegenüber stehen - dieses gelernte Wissen über das "für uns beste" Miteinander leugnen? Was ist der Unterschied zwischen dem Menschen vor uns und dem auf der anderen Straßenseite? Und ist dieser Unterschied für mich richtig? Gib es einen Unterschied außer dem, dass wir sie/ihn persönlich kennen?

Auch wenn das jetzt nach Flower-Power klingt, ich könnte mir nichts schlimmeres vorstellen, als dass ich alle verstehen, der gleichen Meinung sind oder einen immerwährenden Konsenz fänden. Aber dieses Prinzip, die Grundhaltung, nur weil ich jemanden nicht kenne und nicht kennen will, lasse ich ihn dennoch am Leben und gestehe ihm zu, anders zu sein, genau weil auch ich anders sein will - kann jedes Gehirn abbilden. Und daher kann sich jedes Gehirn auch gegen diese Form der Esoterik, der willentlichen Abschaltung seiner Selbstreflexionsfähigkeit zur Wehr setzen.

Es muss noch andere Gründe geben, warum einige Gehirne das dennoch nicht tun, aber ich kenne sie nicht...

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