03.10.2010 22:43:27

Beliebigkeit on the road?



Es ist erstaunlich. Es ist ein Paradoxon. Es ist bisweilen grotesk. Wie viele Menschen lernt man kennen, die man Länger an der eigenen Seite wissen möchte? Als Freunde, Vertraute, Seelenverwandte? Gar als Partner für einige Jahre?

Bekannte. Was sind Bekannte? Menschen, von deren Exitenz man weiß und die umgekehrt von der eigenen wissen. Die man grüßt und mit denen man kurz schwatzt, wenn man sie trifft. Man geht mit ihnen mal ins Kino, hat berufliche oder hobbymäßige Verknüpfungspunkte zu ihnen. Zu vielleicht 3 von 10 Leuten denen man begegnet hält man einen kurz- oder mittelfristigen Kontakt aufrecht.

Im Freundeskreis sind es vielleicht 5 bis 10 Prozent der Personen, denen man begegnet. Denen man über einen längeren Zeitraum und über Strapazen hinweg "treu" bleibt. An die man immer wieder denkt und zu denen man auch nach längeren Phasen der Kontakt- und Informationslosigkeit zurückfindet. Menschen über die man selbst einiges weiß und die vieles über einen wissen. Man hält dies aufrecht ohne Zwang, nur aufgrund von gegenseitigem Interesse.

Dann gibt es diejenigen, denen man ab einem gewissen Zeitpunkt (und der ist fast immer kurz nach dem ersten Aufeinandertreffen) blind vertraut. Zwei, drei, vier, vielleicht fünf Leute kommen da in 30 Jahren zusammen. Hier spielt es fast keine Rolle, wie oft man sich sieht oder was man von einander hört - wenn man sich trifft braucht es zwei, drei Stunden und das Gefühl ist so, als sein man nie weg gewesen, habe sich nie aus den Augen verloren, sei sofort zu jeder Schandtat bereit.

Wendet man auf die letzte Gruppe die Filter "Kongruenz persönlicher, sexueller Präferenzen" und "weitreichendes genseitiges Interesse" (Interesse trifft es nicht ganz, Respekt und Akzeptanz allerdings auch nicht, vielleicht ist wirklich nur der Sex der Unterschied) an, bleiben die übrig, mit denen sich leben lässt. Täglich. Vielleicht für längere Zeit.

Ich habe nie verstanden (und ich bezweifle langsam, dass sich mir das irgendwann nochmal erschließen wird), wie man davon ausgehen kann, es blieben hier viele übrig. Es wäre ein leichtes, nach einer ge- oder missglückten Partnerschaft jemand neuen zu finden, der oder die sich den Weg durch dieses Raster bahnen kann. Es sind erstaunlich oft Menschen in langen Beziehungen oder solche, die nur schwer alleine mit sich sein können, die solches äußern.

Ich frage mich an dem Punkt immer, ob es einen hohen Grad an Beliebigkeit, eine gererelle Unterbewertung von Beziehungen, ein überaus hochwertiges Menschenbild, (wie sooft) Angst oder einfach Mangel an negativer Erfahrung erfordert, sich solch eine Einstellung leisten zu können. Leisten im Sinne von "glücklich damit sein". Egal welche dieser Erklärungen ich anwende, beschleicht mich dabei der Verdacht, es ginge vordergründig um die eine der beiden Beteiligten, nicht um beide. Vielleicht lernt man so etwas im Kindergarten, dann wüsste ich wenigstens, warum ich hier offensichtlich anders bin. Ich weiß es nicht.

Aber ich weiß, dass ich es hochgradig unmenschlich empfinde von jemandem zu verlangen, über die besonderen Menschen auf die er/sie trifft, mehr oder weniger beliebig hinwegzugehen, wenn es trotz eines hohen Maßes an Übereinstimmung nicht für mehr oder länger reicht. Ich möchte keine Einstellung entwickeln, die es mir verbietet, diese Menschen als das anzusehen, was sie sind: Die wichtigsten Teile meines Lebens.

Jedes "Aber" nähme ihnen ein weiteres Stück Exklusivität.

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