12.05.2009 23:15:32

Selbstverschuldete Unmündigkeit

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit." (Immanuel Kant, 1784)
Erstaunt bin ich immer wieder über Menschen, die freiwillig, ohne Not und ohne äußeren Druck bereit sind, an einer bestimmten Stelle immerhalb einer Diskussion oder einer gedanklichen Exkursion ihr (logisches) Denken zu beenden. Zu Studienzeiten ist mir das häufig bei Bekannten untergekommen aufgefallen, die eine Neigung zum Konsum von psychogenen Substanzen hatten. Nicht bei allen, aber einge hatten nach der Einnahme ein erhöhtes Mitteilungsedürfnis was über einen gewissen Zietraum entspannte und anregende Gespräche erlaubte. Dann kam es aber irgendwann dazu, dass die Unterhaltung (meist abrupt) mit einem "...naja" oder "kann man so oder so sehen..." oder "...ey, sei mir nicht böse, aber ich glaub ich bin fett." zu Ende war. Einige dieser Diskussionen waren an dem jeweiligen Punkt wirklich ausdiskutiert, jedoch blieb ein Restbestand an mentalem Austausch, der einfach durch den gedanklichen Einbruch des Gegenüber verebbte. "Schade", dachte ich dann oft und schob diesen Verlauf auf die nicht vorhandene Nüchternheit des Mitdiskutierenden (es waren überwiegend männliche). Irgendwann begann ich solche Gespräche breits im Vorfeld ins Leere laufen bzw. mich nicht wirklich darauf einzulassen, weil ich den (trotz Nüchternheit meinerseits) ernüchternden Moment, an dem das anderseitige Interesse verloren ging nicht mochte. Mag ich bis heute nicht.
Im aktuellen Fall kam - ich unterstelle ohne substanzielle Beeinflussung - dieses Gefühl wieder auf. Eine Mischung aus Unverständnis, Erstaunen, Resignation und Wut.
Ich weiß nicht worüber ich wütend bin. Vielleicht immer noch darüber, dass ich das Gefühl habe, die Ernsthaftigkeit mit der ich das Gespräch führe wird nicht geteilt. Vielleicht über das Unverständnis, unterschiedlicher Kausalitätsvorstellungen, die von gleichen Voraussetzungen zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Vielleicht bin ich aber auch wütend darüber, dass es ganz offensichtlich Menschen gibt, die in der Lage sind aktiv ihr Denken zu steuern. Denen es gelingt, ihr Wollen über diesen elektro-chemischen Prozess zu stellen bzw. deren Denkapparat so konditioniert ist, dass er dies autonom steuert.
Die Diskussion (sinngemäß)
ich: "Bei der Petition gegen die Indizierung und Sperrung von Internetseiten haben in den letzten Tagen bereits über 20.000 Leute unterzeichnet."
sie: "Da sind bestimmt viele Pädophile dabei."
ich: "Wie kommst du denn darauf?"
sie: "Die Dunkelziffer im Bereich des Kindesmisbrauchs ist extrem hoch. Ich kenne selbst einige Fälle."
ich: "Wie viele kennst du denn?"
sie: "Etwa zehn."
ich: "Und wieviele Leute kennst du sonst so?"
sie: "Zur Zeit?"
ich: "Na in dem Zeitraum, in dem du von den Missbrauchsopfern sprichst."
sie: "Och.."
ich: "Fünfzig?"
sie: "Kann sein, bestimmt mehr."
ich: "Wieso gehst du dann davon aus, dass die Dunkelziffer extrem hoch ist?"
sie: "Aber es ist doch besser, wenn man irgendwo anfängt etwas dagegen zu tun."
ich: "Das was da gemacht wird, ist aber grober Unfug, besonders unter dem Deckmantel, etwas gegen Kinderpornographie zu tun."
sie: "Das kann man ambivalent sehen."
ich: "Was ist der Gegenaspekt?"
sie: "Na, es wird etwas unternommen."
ich: "Das, was unternommen wird, hat nichts mit dem zu tun, was erreicht werden will. Findest du Politik, die etwas offenkundig Sinnloses, in diesem Fall sogar Gefährliches tut besser, als Politik, die nichts tut."
sie: "In bestimmten Fällen, ja."
Ich möchte hier klarstellen, dass ich Kindesmissbrauch für eines der nachhaltig schlimmsten Dinge halte, die man einem Menschen antun kann. Und vielleicht ist es die Angst vor genau solchen schlimmsten Dingen, die es einigen Menschen (und/oder ihren Gehirnen) ermöglicht, an einem bestimmten Punkt, einem Gefahrenahnungshorrizont, zu sagen (resp. denken) "Nein, hier geht´s nicht weiter."
Nur, es hilft in diesem Fall keinem einzigen Kind, die Augen davor zu verschließen, dass es Kindemissbrauch gibt. Es kann sein, dass es einigen Menschen hilft, sich der Illusion hinzugeben, es würde ja schon etwas dagegen getan, gut, vielleicht nicht das vernünftigste, effizienteste, aber immerhin etwas. Aber im Prinzip vergeuden diese kognitives Potential in selbstillusorische Schutzmechanischmen, anstat (bestenfalls) durch kreatives Nachdenken an der Vermeidung weiteren Übels mitzuwirken. Dass selbst im Denken ansonsten geschulte Menschen sich nicht gegen solche Effekte wehren können und mehr oder minder hilflos die gleichen unlogischen und unvernünftigen Argumente rezitieren, die ihnen als "Gegenmaßnhamen" vorgesetzt werden, erschreckt mich.

Ja, es ist ein Scheißhirn, dass wir da haben, dass bestrebt ist sich mit allen Dingen die uns begegnen auseinanderzusetzten. Aber es ist gleichzeitig auch das Werkzeug, dass es uns ermöglicht die Welt so zu gestalten, wie wir sie für richtig halten. Allein, dazu müssen wir es gebrauchen.
Denken kann ihnen und den Menschen in ihrer Umgebung erheblichen Schaden zufügen, nicht denken tut es bestimmt.
Nix für ungut.

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