07.05.2009 20:09:25

Wie mutig sollen Menschen ohne Gott denn noch werden?

Ich halte das Verbot bzw. die Verweigerung des Bewerbens von Religionskritik im öffentlichen Personenenahverkehr für groben Unfug. Ich finde es gut, dass die Buskampagne mit einem gemieteten Bus wenigstens ansatzweise versucht eine Gegenöffentlichkeit zu religiöser Reklame herzustellen. Ich finde es auch noch richtig, dass in den Kommunen, die einseitige Glaubenswerbung zulassen (aber der Busskampagne das Werben versagen), über Klageanstrengungen nachgedacht wird und fänd es richtig, wenn diese Klagen eingereicht würden.
Was ich aber absolut nicht nachvollziehen kann ist, dass Nicht-Glaubende mehr Mut aufbringen können sollen, "sich gegen religiösen Hochmut zur Wehr zu setzen" (Phillip Möller, buskampagne.de). Wovor sollen sie denn Angst haben, gegen die sie mutiger auftreten müssen? Gott, Teufel (ach ne das´s ja das Selbe), das fliegende Spaghettimonster?
Der einzige Grund, wieso Atheisten, Agnostiker, Ungläubige (und alle fassetenreichen Subspezies dazwischen) sich einen feuchten Kehrricht um Religionsdiskussionen mit Menschen die an etwas göttliches Glauben scheren, ist doch, dass es der Mühe nicht lohnt. Für Nicht-Glaubende ist der Gottesglaube anderer kein Drache, dem man sich todesmutig entgegenstellen muss, um die entführte Jungfrau namens Aufklärung zu retten. Glauben kann jedes was es will, so lange es dies für sich tut, (übrigens auch die, die nicht an Gott glauben). Wenn aber Nicht-Glaubende sich mehr in die "öffentlichen Debatten einmischen" würden, müssten sie zunächst annehmen, es gäbe etwas zu debatieren. Tun sie aber doch garnicht. Wer macht sich denn die Mühe, etwas wegzudiskutieren, was für ihn elementar garnicht vorhanden ist.
Diskutieren ließen sich die Einflüsse, die Religionen (immer noch) auf unser gesellschaftliches Leben haben. Hier ist nicht zuletzt die Buskampage selbst ja ein eindringliches Beispiel. Da aber auch diese letztlich auf die Frage der Existenz eines Gottes des geringsten Mißtrauens zurückfällt, steht man wieder vor dem selben Problem. Würde die Trennung von Staat und Religion ernsthaft umgesetzt, fände kein Religionsunterricht an Schulen statt (Philosophie, also "Denken lernen" fänd ich ja toll, aber wer will schon Bürger die denken können), triebe das Finanzamt keine Migliedsbeiträge für die Krichen ein und gäbe es keine Ungleichbehandlung von Werbung von Verbänden die sich auf diesweltentrückte Letztbegründungen berufen (die Nicht-Glaubenden eingeschlossen).
Der "Hochmut", gegen den sich mutig zur Wehr gesetzt werden soll, hat im übrigen nichts mit dem "Mut" zu tun, an dem es zu mangeln scheint. "Der Hochmut ([...] Überheblichkeit, Arroganz, veraltet: Hoffart) ist eine Haltung, die Wert und Rang [...] oder Fähigkeiten hoch veranschlagt." (Wikipedia) Der zweite Wortteil geht auf "Gemüt" zurück, bezeichnet also eine Wesenshaltung ganz allgemein. Hochmut zielt, ebenso wie Arroganz, auf "soziale Distanz", betont gesellschaftliche Unterschiede.
Ich hatte vor ein paar Wochen ein Zusammentreffen mit drei jugendlichen Mitgliedern einer Glaubensgemeinschaft. Sie wollten mir ein paar Fragen zum Glauben stellen und hatten dazu einen entsprechenden Fragebogen vorbereitet. Ich machte deutlich, dass ich damit nichts anfangen kann, sie wollten dennoch meine Meinung zu den einzelnen Punkten. Die erste Frage, ob ich an Gott glaube, verneinte ich. Danach kamen einige weitere Punkte. Als letztes kam die Frage (so ungefähr), ob ich, wenn ich jetzt stürbe und vor meinen Gott trete, davon ausginge, dass ich die Möglichkeit hätte meine Sünden erlassen zu bekommen. Ich hielt kurz inne während sie auf die bisherigen Antworten sahen, dann sah mich der mittlere der drei an, grinste und sagte "ach, hat sich dann ja wohl erledigt". Ich grinste auch und sagte, "ja, glaub schon".
Ich hatte den Eindruck, dass sie den größeren Mut aufbringen mussten mich anzusprechen und nicht das Gefühl, ich würde hochmütig behandelt. Dass diese Grundstimmung noch nicht politische Realität geworden ist, liegt wohl eher an den generellen politischen Reaktionzeiten. Mut brauchen die, die glauben, Zeit die anderen.

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