04.08.2016 10:11:01

Ambivalent apatischer Horror - Monster des Monats August 2016

Es ist eine verstörende Welt, in die Simon Stålenhag entführen möchte. Bei Entführungen wird man nicht gefragt, also ist mögen vielleicht nicht das richtige Wort. Aber ehe man dies zu Ende gedacht hat, ist man schon lethargisch in den Szenen gefangen, die der schwedische Künstler veröffentlicht.

Die von ihm geschaffene Welt wirkt so real, so glaubhaft in ihrer Traurigkeit und dem fassungslosen Sich-Ergeben aller Protagonisten, dass sofort jegliches Aufbegehren, jegliche Kritik, selbst einfachstes Stutzen über die Situation entgleitet. Nicht nur die Menschen (oft in Form von Autos oder brennender Innebeleuchtung zitiert) sind Statisten der unglaublichen Ereignisse und Begebenheiten, die sich hier zutragen. Auch die Bedroher scheinen merkwürdig unaufdringlich. Häufig sind sie selbst gescheitert, gefangen oder zerstört.

Und dennoch bedrohen sie. SIE, tja, was sind SIE? Maschinen? Zumindest ein Teil der Bedrohung scheint von mitunter riesigen Maschinen, manschinellen Anlagen und stummen Gerätschaften auszugehen. Weiter unten auf der Seite gibt es eine Serie von Kleingeräten, in denen/aus denen sich metamorphorisch oder mutativ Lebenwesen zu entwickeln scheinen. Kombinierte Biomasse und Elektronik. Somit liefert Stålenhag auch gleich eine Biographie oder zumindest einen interpretatorischen Ansatz seiner Monster mit.

Doch was macht die Beklemmung aus? Wir kenn das heute nur noch selten (Leider ja immer noch viel zu oft ;), dass uns mit den elektronischen Apparaturen, die unseren Alltag mitverleben, ein Kabel verbindet. Stålenhag macht diese Verbindung sichtbar. Lange, dicke, unpraktische Kabel verbinden uns Menschen und unsere Lebenswelt mit den Maschienen, Robotern und Mischwesen in diesen Bildern. Kabel, die uns einschränken, kontrollieren, bewegungsunfähig machen. Kabel, die aber auch die Möglichkeiten der Bedroher einschränken, sie fallen lassen, sich verheddern, kapitulieren.

Das Bizarre an den Bildern ist wohl, die Eindrücklichkeit mit der sie diese akzeptierte Ambivalenz zeigen. Mensch und Technik haben sich darauf eingelassen, mit einander und ineinander verstrickt zu sein, nicht richtig mit und auch nicht wirklich ohne das Gegenüber existieren zu können. Einige kommen gut damit klar, andere sind gelähmt. Aber genau dann, wenn man soweit in diesen Alltag eingestiegen ist, ihn akzeptiert hat, kommen die ekligen Details. Kleine Hinweise, Andeutungen oder das siebte Bild in der Serie mit dem Pärchen lassen erkennen, welche, zunächst hintergründig, nebulöse Bedrohung uns Menschen hier entgegentritt: Es ist Blanker Horror. Ein Horror, der so tief im Alltag verwurzelt ist, dass man ihn automatisch mit der Akzeptanz dieser alltäglichen Gegenwärtigkeit negiert.

Letztlich sind es die Maschinen, die nichts von ihrer Wesensart verlieren, wenn sie mühsam mit Kabelsalat oder den Hindernissen in der Welt zurechtkommen müssen. Wirklich verändert bleit der Mensch in Stålenhags Welt zurück. Retardiert, resigniert, reprogrammiert und schlimmsten Falls ausgelöscht.

edit:So ganz falsch scheine ich da mit meiner Interpretation nicht gelegen zu haben. Zumindest entnehme ich das teilweise diesem Interview, dass ich nachträglich gefunden habe. Die Adaption für einen Film oder eine Serie liegt natürlich nahe, aber die zwischenmenschlichen Beziehungen - wie Stålenhag sagt - würden sich doch viel, viel besser in einem Online-Spiel á la Stalker oder Day-Z ausloten lassen. Wie geil wäre das denn?!